In der Nische des Extremen

von Carsten Germis

 

„Ich habe wenig Interesse, viele, viele Fragen zum Verlag zu beantworten; ich gebe seit Jahren keine Interviews mehr. Sie können aber gerne etwas zu den Autoren und den Titeln schreiben …"

    So lautete die lapidare Antwort des Verlegers Frank Festa, als ich ihn bat, für die „Polar-Gazette" ein paar Fragen zu beantworten. Vor ein paar Jahren hat sich der im Januar 1966 geborene Vater von zwei Kindern noch öffentlich geäußert. Vor ein paar Jahren zeigte sich der Verleger, Jahrgang 1966 und Vater von zwei Kindern, noch auskunftsbereiter.

    Deswegen wissen wir, dass er seinen kleinen, aber feinen Verlag für härtere Horror-, Grusel-, Thriller- und seit einigen Jahren auch Noir-Bücher in Leipzig gemeinsam mit seiner Frau Inge führt. Der auf Fotos gemütlich und sehr friedlich wirkende Festa ist ein Besessener der Horrorliteratur. Er ist, wenn man so will, in Deutschland so etwas wie der unumstrittene Meister des Morbiden. Doch: „Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau", sagt er. Eben Inge Festa. Und die „leitet alle Arbeiten, die den Buchsatz, das Korrekturlesen, das Layout und die Druckvorstufe betreffen". Zwei, die sich dem Horror verschrieben haben. Sie sind in Deutschland die Stimmen von extremen Autoren, die es in den etablierten Verlagen schwer haben.

    Große Verlage riskieren dieser Tage kaum etwas. Sie setzen aufs Altbewährte und schütten ihre Marketingetats allein für Bücher aus, mit denen bewährte Bestsellerautoren ihre hohen Vorschüsse wieder einspielen. „Shades of Grey" ist da das Äußerste, das dem Mainstream einfällt. Deutschlands Medienriesen Bertelsmann bescherte das immerhin rund 100 Millionen verkaufte Exemplare weltweit.  

    Die Festas begreifen sich als Gegenprogramm: Pulp-Literatur im wahrsten Sinne des Wortes. Der Begriff „Pulp“ leitet sich bekanntermaßen von dem billigen, holzhaltigen Papier (engl. wood pulp, siehe Holzschliff) ab, auf dem die Magazine mit den Noir-Krimis der 30er und 40er Jahre gedruckt wurden. Pulp ist umgangssprachlich auch als „Schund“ zu verstehen. Heute ist amerikanischer Pulp vor allem für sensationslüsterne, reißerische Geschichten bekannt und wird als Schund-, oder etwas wissenschaftlich-vornehmer als Trivialliteratur abgestempelt. Die Pulp-Cover waren berühmt für die Abbildung halbnackter, attraktiver Frauen, meistens rassige Blondinen. Sensationslüstern, tabuverletzend sind deswegen auch viele Bücher von Festa. Anders als die billigen Groschenhefte der Vergangenheit verlegt Festa aber oft aufwendig in Leder. Ansprechend für Bücherliebhaber, die tief im analogen Zeitalter verwurzelt sind. Voller sexueller Phantasien, mit Mordorgien und in Blut watenden Helden. Herrlicher Schund eben. Festa wird deswegen wohl nie erleben, dass einer seiner Autoren den Nobelpreis für Literatur bekommt.

    Viele, die in Buchhandlungen nach Thriller- oder Science-Fiction-Titeln suchen, werden von Autoren wie Edward Lee, Dan Simmons oder Gordon Ferris noch nie etwas gehört haben. Ganz anders geht es den Kennern US-amerikanischer Genreliteratur. Für sie sind die Festa-Autoren oft bekannte Größen. Deutsche Autoren, die Gewalt und Schund so gekonnt schreiben können, gibt es eben kaum.

    Was für eine Art Bücher Festa verlegt, mag auch die Ankündigung eines Titels von Edward Lee zeigen:

 

    „Tödliche Orgien mit entstellten und deformierten Frauen, Männern und Zwitterwesen. Religiöse Eiferer, die mit einer Potenzdroge sexuell gefügig gemacht werden, um sich im wahrsten Sinne des Wortes die Seele aus dem Leib zu vögeln. Und über allem thront der durchgeknallte Hausbesitzer, der sich allen Ernstes in den Kopf gesetzt hat, Gott höchstpersönlich in seine bizarre Folterkammer zu locken…"

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