Fatalität des Begehrens

– Gefährliche Frauen und hardboiled-Männer

von Sonja Hartl

Ein Mann blickt auf den Boden, die Kamera folgt seinem Blick. Ein Lippenstift rollt nach vorn, die Kamera fährt ihm entgegen und fasst ein weißes Paar Schuhe ein. Von dort fährt sie hoch und zeigt nackte Beine bis zum Oberschenkel. Es folgt ein Schnitt auf das Gesicht des Mannes. Er schaut weiter hoch, holt Atem, und die Kamera zeigt sie: weiße Schuhe, nackte Beine, weiße Shorts, weiße hochgebundene Bluse, nackter Hals und die Haare in einem weißen Turban versteckt. Es ist das lustvoll inszenierte, verführerische erste Zusammentreffen von Cora (Lana Turner) und Frank (John Garfield) in Tay Garnetts Verfilmung von James M. Cains „The Postman always rings twice“ – und es ist ein unvergesslicher Auftritt, mit dem Cora in den Film eingeführt wird. Sie ist wie Phyllis (Barbara Stanwyck) in „Double Indemnity“, Kitty (Lana Turner) in „The Killers“, Elsa (Rita Hayworth) in „The Lady from Shanghai“, Matty (Kathleen Turner) in „Body Heat“ oder Dorothy (Isabella Rossellini) in „Blue Velvet“ eine Frau, die in Männern Gefühle weckt, denen sie nicht widerstehen können. Ohne die femmes fatales gäbe es keinen Film noir. Keine verstohlenen Blicke auf nackte Beine, getauschte Zigaretten und in ihrem Begehren verlorene Männer, die auf einen Abgrund zurasen. Diesen manipulativen Sex-Appeal verdanken sie Männern wie James M. Cain, Dashiell Hammett und Raymond Chandler, die ihn ersinnt sowie Billy Wilder, Tay Garnett, Howard Hawkes und John Huston, die ihn inszeniert haben.

 

Manipulationen bei Detektiven

Für Frank und Cora wird es kein Entrinnen geben, sie sind aneinandergekettet erst durch Begehren, dann durch die Verbrechen, die sie begehen. Doch nicht alle Männer fallen für die femme fatale. Da gibt es Sam Spade (Humphrey Bogart), der sich in „The Maltese Falcon“ zwischen der Frau und seinem Berufsethos entscheiden muss – und letzterem den Vorzug gibt. Sowohl in Dashiell Hammetts Buch als auch John Hustons Verfilmung beschließt Spade, Brigid O’Shaugnessy (Mary Astor) für den Mord an seinem Partner Miles Archer der Polizei zu übergeben. Sicher könnte es sein, dass er sie liebt. Sollte er sie aber verschonen, „dann werde ich denken, dass ich dir auf den Leim gegangen bin. Wenn ich dich aber ans Messer liefere, wird mir das furchtbar leid tun – ich werde ein paar schlaflose Nächte haben – aber das geht vorbei.“ Sam Spade will nicht „den Dummen“ für Brigid spielen, und hier folgt Huston in seiner buchnahen Verfilmung von Hammetts Roman zugleich der Überzeugung Raymond Chandlers, dass eine Liebesgeschichte mit einer Detektivstory nicht zu vereinen sei.

    Brigid ist in erster Linie eine Opportunistin mit schauspielerischem Talent, die in die Rolle schlüpft, in der sie ihre Interessen am besten durchsetzen kann. Dabei vertraut sie auf die Wirkung ihres Aussehens. Schon vor ihrem ersten Erscheinen verkündet Spades Sekretärin, dass Spade seine neue potentielle Klientin auf jeden Fall sehen wolle, „die reißt Sie vom Stuhl“.

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