Märchenland ist abgebrannt.

von Wolfgang Franßen

Die Femme fatale braucht uns Männer nicht mehr. Sie hat uns nie gebraucht. Inzwischen haben wir die Schlacht um ihre Gunst aufgegeben. Bedauern wir das? Wenn wir der Sehnsucht nach der bleiernen Zeit des letzten Jahrhunderts nicht entwachsen sind, sicher. Sie war eine wunderbare Projektionsfläche der gewährten Macht, der freiwilligen Unterwerfung, der erhofften Verzweiflung, der Amour fou. Unser Blick erschuf sie und richtete es so ein, dass die Venusfalle, die erotische Unterwerfung daraus erwuchs. Wir stilisierten uns zum Opfer, behaupteten, gegen ihre Reize keine Chance zu besitzen, waren stolz darauf, Gefühle zu besitzen, so lieben zu können, dass wir unser Leben über Bord zu werfen bereit waren. Solange es nach unseren Spielregeln ging. Die waren wichtig.

    In Zeiten der Genderdiskussion, des jährlichen Wechsels zwischen männlicher und weiblicher Bezeichnung bei Sturm und Orkan, sind wir es gewohnt, ein IN an einen männlichen Stamm anzuhängen, wenn wir allgemein über Männer und Frauen schreiben und reden wollen. Der Chauvi hängt in der Garderobe und wird nicht mehr zugelassen. Mag er noch so an der Schimäre männlicher Versuchung hängen. Nicht mal zur Totenfeier war er eingeladen. Die Femme Fatale trat einfach ab und bat ihn nicht um seine Einwilligung. Schließlich ist das verzweifelt Verruchte, das erotisch Aufgeblasene, die überhöhte Männerphantasie unmerklich längst zum Accessoire verkommen, das sich jährlich umfrisieren lässt, damit es zum Download bereitsteht. Androgyn, weiblich, männlich, vom Kampf der Ideologien befreit, konsumgerecht gefeilt. Schon Chaplin wusste, willst du eine innere Haltung bloßstellen, übertreibe ihre Darstellung ins Lächerliche. Womöglich tritt die Femme Fatale demnächst als Musical am Elbstrand auf, als Rundum-Paket mit Wellnesswochenende zu besichtigen.

    Was hat die Männerwelt so fasziniert an einer Kunstfigur, die den Alltag zur Farce machte?  Die der Belle Époque zu entspringen schien. Als Mann sich noch als Mann brüstete und sich nicht geläutert gab. In seinen Phantasien dem Größenwahn Platz bot. Eine einzige Frau sollte es sein. Vor allem im erotischen Bereich. Sugardaddy wurde sich seiner Abgründe bewusst, die so kleinbürgerlich zerbrechlich niemals offenbart werden durften. Höchstens als Roman, im Film, stilisiert in Gemälden und Fotografien. Sex? Das Anbitten eines Bedürftigen an eine Gewährende? Klingt eher nach Therapie als nach Erotik. Die Femme Fatale ist einer der größten männlichen Irrtümer, zu denen dieses Geschlecht imstande ist. Und wie das bei Irrtümern so ist, werden sie, statt sie sich einzugestehen, zum Mythos. Unerreichbar.

    Wedekind ging bei seiner Lulu so weit, dass er die Wahrheit über die Männer, die sie umgarnten, nicht ertrug. Also musste Jack The Ripper her, um sie zu meucheln, die männliche Ehre wieder herzustellen. Als Lustobjekt ausgestellt, wagte sie doch zwischen den Zeilen zu fragen, woher sie denn stamme, wohin sie denn wolle, und in ihrer Langeweile über die männlichen Betörungen stellte sie klar, dass sie nach mehr trachte, als nur auf Abruf bereit zu stehen. Isabelle Adjani hat viele Jahrzehnte später die männliche Vision einer Femme Fatale in „Ein mörderischer Sommer“ zu Grabe getragen. Die geschundene Frau entledigt sich ihrer Peiniger.

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