Kawaii, kawaii

von Carsten Germis

Femme fatale! Wer wissen will, wie die Femme fatale mit dem Noir zusammenhängt, dem hilft ein Blick auf die Buchcover der amerikanischen Krimireihe „Hard Case Crime“. Die Bilder, den 30er- und 40er- Jahren nachempfunden, zeigen sie: die gefährlichen, schönen Frauen, die es mit den Privatdetektiven aus den Anfängen des Noir aufnehmen. Vollbusig, kurvig, meistens blond, bisweilen rötlich-brünett zieren sie die Bücher. Alte Noir-Autoren von James M. Cain über Mickey Spillane bis Lawrence Block beschrieben diese Femme fatale, auch ihre modernen Nachfolger wie Max Allan Collins oder Christa Faust. Und immer spielt sie im Krimi eine entscheidende Rolle: die kalte, berechnende, hübsche und vor allem sexy Femme fatale. Sie ist ein Geschöpf des frühen Noir. Amerikanisch, eine Projektion der Männerwelt. Für Frauen gibt es dabei nur zwei mögliche Rollen: Entweder sie sind Opfer, – und früh schon tot –, oder eben verruchte Femme fatale. Auf jeden Fall sind sie Produkte männlicher Einbildungskraft.

    Die japanische Version der Femme fatale sieht anders aus. Kawaii – niedlich, süß – vor allem wünscht sich der Mann in Japan die Frau. Und so ist sie auch in der Literatur; sexy Teenager in dicken Manga-Büchern gehören zur beliebtesten Lektüre manches japanischen Salary-Man, wenn er aus den Vororten zum Arbeitsplatz nach Tokio pendelt. Zwar melden Medien in Europa oder Amerika immer wieder, die Japaner seien nicht nur das Volk mit der niedrigsten Geburtsrate der Welt, sondern auch die größten Sexmuffel. Doch die Umfragen, die solche Ergebnisse an den Tag bringen, sind fern des Alltags des ostasiatischen Landes. Natsuo Kirino – ein Pseudonym für die 1951 in Kanagawa geborene  Juristin Mariko Hashioka –  ist unter den japanischen Kriminalschriftstellerinnen diejenige, die wie keine andere die männlichen Projektionen und die japanische Femme fatale zum Thema ihrer Kriminalromane gemacht hat. Entgegen allen Umfragen ist die japanische Gesellschaft sexualisierter als die meisten westlichen Länder. Nicht nur im Sommer kann das jeder sehen, der mit offenen Augen durch Tokio geht. Zwar können sich Japaner im Gespräch mit Ausländern ungeniert über den Sittenverfall zum Beispiel auf Hamburgs Reeperbahn empören, wo Frauen ihren Körper offen zur Schau stellen. In der japanischen Kultur wird fein unterschieden zwischen dem, was man an der Oberfläche zeigt und dem, was in tieferen Schichten liegt. Und in den tieferen Schichten stehen viele Stadtviertel Tokios der Reeperbahn in nichts nach. Ob Sex im "Soapland", SM, junge Mädchen vom "Health Delivery Service" – Frauen für Sex zu kaufen ist in Japan möglicherweise weiter verbreitet als in den meisten anderen Ländern.

    Natsuo Kirino hat das immer wieder zu ihrem Thema gemacht. Bevor sie mit ihrem Krimi „Out“ – deutsch unter dem Titel „Die Umarmung des Todes“ erschienen – weltweit bekannt wurde, hat sie in Japan in den 90er-Jahren feministische Noir mit einer Detektivin als Heldin geschrieben. Nicht nur Sex, sondern pornographischer Sex steht im Zentrum ihres 1994 erschienenen Romans Tenshi ni misuterareta yoru (frei übersetzt „Die Nacht übersehen von den Engeln“). Ein Pornostar ist verschwunden. Ein Video taucht auf. Es zeigt eine Gruppenvergewaltigung. Detektivin Miro kommt selbst in die Situation, dass der Pornoproduzent sie wegen ihrer Ermittlungen unter Druck setzt. Sie fordert die Ordnung heraus, und das als Frau. Der Porno-Produzent zwingt die Polizistin selbst vor die Kamera, er will der Frau eine Lektion erteilen. Miro gibt unter der Gewalt des Mannes ihren Widerstand auf.

    „Gut. Ich ziehe mich selber aus. Lass uns anfangen“, sagt sie direkt in die Kamera und beginnt sich auszuziehen. Dabei schreit sie: „Mein Name ist Miro Murano. Ich bin Polizistin … Ich ziehe meine Kleider aus, aber das ist natürlich nicht das, was ich tun will.“

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