Ein wirklich perfekter Mord

von Wolfgang Schorlau

 

1. Es kostete mich ein tränendurchtränktes Kopfkissen und drei Flaschen Pinot Grigio, aber dann war mir klar, dass er sterben musste. Ich würde Michael umbringen.

    Dieser Gedanke, einmal gefasst, befreite mich, er erleichterte mein Leben, und er beherrschte mich in den nächsten Wochen vollkommen. Ich dachte nur noch über das Wie nach. Und vielleicht kennen Sie das: Wenn Sie sich mit einem Problem beschäftigen, pausenlos darüber nachdenken, stellt sich die Lösung ein. In meinem Fall war es ein Kollege – Walter. Aber um Ihnen dies zu erklären, muss ich etwas ausholen.

    Ich bin Kuratorin von Beruf. Ich arbeitete in dem hiesigen Kunstmuseum und war für die Sammlung der Bilder von Otto Dix zuständig. Der Kollege, von dem ich sprach, Walter, arbeitet im Lager. Denn glauben Sie nicht, dass die meisten Bilder, die ein Museum besitzt, in der Ausstellung hängen. Die meisten sind im Lager.

    Ich musste öfter dorthin. Etwas nachsehen. Etwas kontrollieren. Ich hatte Walter bereits den Rücken zugedreht und die rechte Hand an der Türklinke, als er mehr zu sich selbst als zu mir sagte: Hier kann man den perfekten Mord begehen.

    Ich hielt mitten in der Bewegung an, drehte mich langsam um. Wie?

    Walter kam gerade von einer Brandschutzübung. Sie müssen wissen, dass der Schutz vor Feuer in dem Lager des Museums ein ständiges Thema ist. Es ist kompliziert. Denn: Ein Feuer kann ja nicht mit Wasser gelöscht werden. Wasser würde die Gemälde ebenso zerstören wie Feuer. Deshalb nutzen viele Museen ein spezielles Gas, das die Flammen sehr schnell erstickt, indem es den Sauerstoff bindet. Natürlich ist es für den Menschen tödlich. Das wusste ich. Deshalb müssen die Mitarbeiter im Brandfall innerhalb von zwanzig Sekunden das Lager verlassen haben. Es hupt, dann läuft die Uhr, denn dann werden die Türen automatisch geschlossen, und das Gas tritt aus. In den Brandübungen, die wir regelmäßig machen müssen, wird das geprobt. Zwanzig Sekunden, das kommt Ihnen vielleicht kurz vor. Aber: Es ist die Zeit eines Werbespots, die Zeit, die ein Handy klingelt, bis es auf die Mailbox umschaltet. Es ist ausreichend, wenn man sofort alles stehen und liegen lässt und aus dem Raum geht.

    Was ich nicht wusste, und nun kommt das Entscheidende: Das Gas ist im Körper des Menschen nicht nachweisbar. Es verflüchtigt sich auch sofort. Der Tod sieht aus wie ein normaler Herzanfall. Seit diesem Tag dachte ich an nichts anderes mehr: Wie bekomme ich Michael in unser Lager?

 

2. Mein Mann ist nicht an Kunst interessiert. Er ist ein Banause. Er leitet ein Software-haus, das er vor zwanzig Jahren gründete. Software für Ärzte. Damals, also vor zwanzig Jahren, war das noch eine Art Schnapsidee. Warum sollten Ärzte einen Computer kau-fen? Die Sprechstundenhilfen waren billig. Jeder schüttelte damals über seine Geschäfts-idee den Kopf. Unsichere Sache. Das war der Grund, warum ich bei unserer Hochzeit auf Gütertrennung bestanden habe. Ich hatte schon damals eine feste Stelle, ich wollte nicht in den Abgrund seines möglichen Bankrotts geraten. Mein Vater riet mir zur Güter-trennung. Dringend.

    Heute ist Michael stinkreich. Sie können sich nicht vorstellen, was er allein an den Updates zur Gesundheitsreform verdient hat. Wenn Sie zehn Euro Praxisgebühr bezahlen, klingelt die Kasse nicht nur beim Arzt. Michael hat diese Änderung 3  Millionen Euro in die Firmenkasse gespült. Das muss man sich mal vorstellen. Die Gütertrennung war ein schwerer Fehler, das gibt auch mein Vater heute zu. Und dann sagte Michael eines Morgens beim Frühstück, wir hätten uns auseinandergelebt. Und das Wort Scheidung fiel auch. Ein hässliches Wort.

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