Fatale Frauen oder Dumm gelaufen

Ein Feuilleton vonThomas Wörtche

Die klassische Femme Fatale könnte ein Auslaufmodell sein. Vielleicht haben die Männer keine Angst mehr vor ihr, weil sie vor einem ganz anderen Typus mehr Angst haben. Vor dem Typus vermutlich, dessen Sinnen und Trachten gar nicht mehr um das Männchen als Zentrum des Universums kreist.

    Es war ja so: Lilith, Circe, Eva, Salomé und Co., alle schön, sexy und erotisch, mussten letztendlich denunziert werden: Erbsünde, ausgetrickst, dämonisiert, zum Vampir erklärt, mit übernatürlichen Kräften ausgestattet, das Böse, grausam, herrschsüchtig, kaltherzig. La belle dame sans merci. Lulu und Lolita, Alraune, Undine und Shakespeares Dark Lady und Heines Loreley, sie alle – meistens von Männern und patriarchalischen Strukturen erdacht und entworfen, die Femme Fatale ist ein durch und durch männliches Projekt – bedrohen Männer, weil Männer auf sie scharf sind. Man kann sogar überlegen, wie aktiv die Ladies tatsächlich sein müssen oder ob die Kerle einfach so begeistert in ihre Arme fallen, und wenn´s fatal wird, nichts dazu gekonnt haben, weil eben dämonisch, Vampir, böser Geist, Incubus, schlimm, da kann man nichts machen.

    Natürlich kann man was machen: Man kann sie tilgen, die dann irgendwie lästig gewordenen Weiber. Man kann sie ausliefern wie Sam Spade Brigid O'Shaughnessy im „Malteser Falken“ von Dashiell Hammett, sie erschießen wie Walter Neff Phyllis Dietrichson in „Double Indemnity“ oder sie via Drehbuch durch Unfall wegräumen wie Cora Papadakis in „The Postman Always Rings Twice“ – wobei die letzteren beiden Romanvorlagen von James M. Cain durchaus milder sind als die Filme von Bob Rafelson resp. Billy Wilder.  Damit sind wir schon da angekommen, wo die Femme Fatale ihren letzten ganz großen Auftritt hatte: im Film Noir, basierend auf und flankiert von den einschlägigen Romanen und Stories. Den letzten ganz großen Auftritt auch deswegen, weil der dazu passende Frauentyp damals en vogue war: Veronica Lake, Marlene Dietrich, Rita Hayworth, Ava Gardner, Lauren Bacall, Barbara Stanwyck und die anderen gefährlichen, sexuell attraktiven und vor allem aktiven Frauen. Die mit den ironischen Sprüchen, rauchend und trinkend und immer mit einem leicht spöttischen Zug um den Mund und in den Augen. Wobei, das vermute ich mal, das Spöttische, das Ironische ihre größte Sünde war. Denn nichts kann das Machomännchen weniger ab, als nicht genau zu wissen, ob man es gerade ernst nimmt oder vielleicht auch eher nicht und womöglich generell schon gar nicht. Denn eigentlich begehen die in den erotischen Fallstricken verhedderten Kerle ja ihre Untaten, um von genau diesen Frauen ernst genommen zu werden, bei denen man unterstellt, dass ohne Virilitätsnachweis gar nichts geht. Und sei dieser Männlichkeitsbeweis noch so bescheuert – den langweiligen Spießergatten des Vamps umbringen, zum Beispiel, oder so … also alles, was die Bücher und Filme eben mit dem Etikett „fatal“ bezeichnen. Heißt: Dumm gelaufen.

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