Salam Salami!

von Lena Blaudez

Warten, dachte der Mann, den seine Freunde und seine Feinde Raskolnikow nannten, warten kann niemand so perfekt wie ein Russe. Er verschmähte die Metallbank und starrte auf den Beton zu seinen Füßen, den Tausende von Wartenden vor ihm mit Spucke, Tabakresten, Blut und Kotze verunreinigt hatten. Hoffnungslose, Zweifelnde, Resignierte. Worauf gewartet wurde, ob es überhaupt etwas gab, das zu erwarten war, was spielte das schon für eine Rolle? Das Warten an sich ist kein Zustand, sondern eine Geisteshaltung, eine Lebenseinstellung. Alles fand zu seinem natürlichen Ende, wenn man nur wartete.

    Er wusste, dass sich in diesem Moment Svetlana, seine Teure, in ihrem Nerz am Imbiss nur einen Steinwurf von ihm entfernt mit Blini und Piroggen versorgte. Wie immer in großen Mengen. Wie konnte sie das nur alles essen? Hatte sie die Salami mitgenommen, die er ihr geschenkt hatte? Ob sie wohl eine Ahnung hatte, dass er ganz in ihrer Nähe war – und wartete?

***

Svetlana schüttelte den Kopf. Nein, keine Kartoffeln, nie wieder Kartoffeln. Hatte sie zu Hause, in Georgien, nicht jeden Tag Kartoffeln gegessen? Kartoffeln in allen möglichen und unmöglichen Varianten. War sie etwa in die Hauptstadt gekommen, um weiter Kartoffeln zu fressen? Sie bog in den Lebensmittelladen von Juri ein, der ihr zublinzelte und fragte, ob sie vielleicht Hilfe benötige. Dabei nickte er zu der Ein-Liter-Flasche Stolitschnaja hin, die sie gerade in ihrem Rollköfferchen verstaute. Nein, sie brauchte wahrlich keine Hilfe. Wodka fand den Weg immer allein dahin, wo er gebraucht wurde. Und sie konnte ihn gebrauchen. Die Salami von Raskolnikow passte nicht in den Koffer. Sie behielt sie in der Hand. Sie liebte Salami. Salami essen war ihr Symbol für ein neues Leben. Klappernd zog Svetlana ihre Utensilien zu ihrem Arbeitsplatz, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite lag. Die Tabledance-Bar öffnete erst in einer Stunde, aber Igor stand schon vor der Tür. Igor, der Riese, ein brutal aussehender Typ, aber lieb wie ein Baby. Zumindest, wenn er nüchtern war. Igor hob die Hand, um sie zu begrüßen, als sein Gesicht einen erstaunten, ja völlig verblüfften Ausdruck annahm. Mitten auf seiner Stirn erschien ein gezacktes Loch, dann sackte er zusammen. Svetlana sprang zur Tür, riss sie auf und stürzte in die Sicherheit der Bar.

***

Der Schütze verschwand. Auftrag erledigt. Von nun an würden die das Schutzgeld an sie entrichten, daran bestand kein Zweifel. Die Pistole ließ er direkt nebenan vor dem Laden fallen, aus dem sie vor kurzem gestohlen worden war. Warum er die Salami mitnahm, die die verschreckte Frau hatte fallen lassen, konnte er beim besten Willen nicht sagen. Vielleicht konnte er sie ja als Schlagstock verwenden, wo er die Pistole doch hatte loswerden müssen. Er verschwand in der Menge, die wie aus dem Nichts zu entstehen schien. Wie Eisenspäne zum Magneten kamen sie aus allen Richtungen auf den Platz geströmt. Schwarzhaarige Menschen, Plakate in den Händen. Sprechchöre. Er verstand kein Wort. Sie begannen zu singen, eine schwermütige Melodie, die ihn traurig stimmte. Er ließ sich einfach mitziehen. Versank in einem Strudel aus Melancholie. Singende Fremde. Er fühlte, dass er aus diesem Kreis sich immer enger und enger um ihn schließenden Menschen nie wieder entkommen konnte. Was hatte das Leben für einen Sinn? Seine Knie knickten ein, Beine weich wie Gummi. War das die Folge dieser Melodie? Kurz bevor er das Bewusstsein verlor, sah er noch, wie sich ihm eine märchenhaft schöne Frau näherte. All das musste ein Märchen sein. 

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