Zaunkönige

von Jörg Walendy

Islamisten im Schafspelz einer friedlichen Opposition, wechselnde Allianzen, das Für und Wider mit Blick auf ein stärkeres, deutsches Engagement im Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern, und die Frage, ob wir alleine – oder zusammen mit Europa – eine andere Rolle spielen können als die USA. Der Nahe Osten fasziniert wie ein unheilvolles und dunkles Kristall. Aber wissen wir denn überhaupt, was wir dort wollen und was es bedeutet, sich dort zu engagieren? Also nicht nur so regierungsamtlich, sondern ganz tatsächlich. Auf privater, gesellschaftlicher Ebene. Oder sind wir nicht eher wie Zaunkönige? Fliegen versteckt im Gefieder des Adlers mit bis hoch in den Himmel und schreien – ohne den Weg selbst gemacht zu haben – „der König bin ich“. Mit einem Schuss Selbstüberschätzung und manchmal auch moralischer Entrüstung. Weil wir das alles so schrecklich und gleichzeitig so faszinierend finden. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung zur Außenpolitik legt diesen Schluss jedenfalls nahe. „Wir“ wollen Frieden und keine Konflikte. Und die anderen haben das auch nicht zu wollen. Dumm nur, wenn das nicht der Realität entspricht. Vielleicht findet sich in der aktuellen deutschen Nahostliteratur ein Hinweis, wie wir mit diesem pazifistischen Dilemma umgehen könnten.  Sie ist schließlich ein Spiegel unserer Seele und könnte Befindlichkeiten und Denkmuster aufgreifen, die tief in uns existieren. Was will sie also und wie engagiert gibt sie sich?

    Fangen wir mit einem Dickschiff der Zunft an. In Frank Schätzings Thriller „Breaking News“ lässt sich zumindest an einer Stelle gut erkennen, wie sich der Autor unsere Politik wünscht, wenn er einem israelischen „Fluchthelfer“ eine eindeutige Belehrung in den Mund legt: „Wir können es schon nicht mehr hören, eure ständige Selbstgeißelung: Kollektivschuld über Generationen hinaus, der ganze Quatsch, und andererseits dieser verlogene Man-darf-ja-nichts-gegen-Israel-sagen-sonst-ist-man-gleich-Antisemit-Käse. Doch man darf! Wir wollen Kritik. Aber wir wollen, dass ihr genau hinschaut.“ Und um Genauigkeit bemüht sich der Roman. Er ist ein umfassendes Sittengemälde einer israelischen Familie, die alles in ihren Reihen hat, was wir scheinbar vor Ort zu finden glauben. Einen waschechten Kriegshelden und Premierminister. Siedler, die von ihrer eigenen Regierung auf den Sinai und nach Gaza gedrängt und später wieder zurückgepfiffen werden. Einen extremistischen Rabbi. Söhne und Ehemänner, die an dem Trauma zerbrechen, welches der Libanonkrieg in ihren Seelen hinterlässt. Alle großen Ereignisse und deren künstlerische Aufarbeitung werden zitiert. Der Zionismus der frühen Jahre, der „Arabische Aufstand“ der späten 30er, der finstere Flirt des Großmuftis von Jerusalem mit den Nationalsozialisten, das Chaos der letzten Jahre des Britischen Mandats, Verfolgungsjagden durch Nablus, Erinnerungen an den Tod Mohamed al-Duras. Bilder und Halbsätze wie aus dem Buch „Es war einmal ein Palästina“ von Tom Segev oder einer Graphic  Novel  von Joe Sacco. Und auch der Libanonkrieg und das furchtbare Massaker christlicher Phalangisten in Sabra und Schatila spielen eine Rolle. Schätzing skizziert die Operation „Frieden für Galiläa“ fast genauso, wie sie von Ari Folmann in „Waltz with Bashir“ in einem dokumentarischen Trickfilm aufgearbeitet wurde. Hin bis zum Detail der erschossenen Dorfköter, die bei der Besetzung südlibanesischer Dörfer als Erstes dran glauben mussten.

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