Ani und die markerschütternde Seelenpoetik

von Nicole Korzonnek

Noch nie zuvor gab es eine derart große Kluft in der deutschen Krimilandschaft: auf der einen Seite wird gemetzelt, was das Zeug hält; fließen literweise Blut und sonstige Körperflüssigkeiten; werden Frauen geschändet und Kinder missbraucht. Hauptsache, es ist so brutal und abartig wie möglich. Auf der anderen Seite verirren sich die Ermittler in Landschaftsidyllen, mundarteln sich mit ihren Alltagsbanalitäten durch die Republik und witzeln und frotzeln und mosern in literarischer Harmlosigkeit von Region zu Region. Hier Sebastian Fitzek, Veit Etzold und Co. Da Klaus-Peter Wolf, Michael Kobr und Volker Klüpfel nebst Kollegen. Die einen überziehen den Krimi mit Gewalt, die anderen kuscheln sich in ihn hinein.

    Beides kommt bei der Leserschaft enorm gut an. Von Jahr zu Jahr werden hierzulande mehr und mehr Thriller mit Menschenekelfaktor oder naiv-seichte Regionalkrimis veröffentlicht, die in den Buchhandlungen weggehen wie warme Semmeln. Schlächter und Plauderer haben derart Hochkonjunktur, dass man den Verfassern noch nicht einmal einen Vorwurf machen, geschweige denn einen Strick daraus drehen kann, weil sie sich thematisch immer und ständig um sich selbst drehen, sich gegenseitig befruchten und so den deutschen Krimi zu einer Inzestmissgeburt verkommen lassen. Aber dieses Genremonster bringt halt Geld, wenn man weiß, wie man es bedient. Eine Schreibrevolution (so man denn das nötige Rüstzeug dafür hat) bezahlt einem weder Miete noch das Futter auf dem Teller.

Vermissungen statt Morde

Stopp! So ganz stimmt dieses Klischee dann aber doch nicht. Die Ausnahmen im deutschen Krimiwald, die das Spannungsgenre eben nicht einfach bedienen, sondern revolutionieren, weil sie es ernst nehmen, bestätigen da nur allzu deutlich – und vor allem nachhaltig – die Regel. Die erfolgreichste Ausnahme kommt aus Oberbayern und heißt Friedrich Ani. Hörspiele, Theaterstücke, Drehbücher – Anis Schreibtalente sind vielfältig. Aber vor allem hat er sich einen Namen als Krimischriftsteller gemacht. Wie ein heller Stern leuchtet seine Reihe um Kommissar Tabor Süden am mörderischen Horizont. Der Clou dabei: In den Süden-Fällen geht es nicht um Morde, sondern um vermisste Personen rund um München, die der stille Eigenbrötler mit tiefen Seelenabgrundzügen finden muss. Ani geht da aber sogar noch einen Schritt weiter und belastet seinen Helden mit einer Bürde, die einer gewissen Ironie nicht entbehrt, denn den ersten Süden-Krimis ist immer folgender Satz vorangestellt: „Ich arbeite auf der Vermisstenstelle der Kripo und kann meinen eigenen Vater nicht finden.“

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