Schattenseiten der Wirklichkeit

von Sonja Hartl

Deutsche Autoren könnten Regional- und Soziokrimi, aber keinen Noir. So lautet eine weit verbreitete Behauptung, der zumindest zum Teil widersprochen werden muss. Denn es gibt sie, die deutschsprachigen Krimiautoren, die in der Tradition von Chandler, Hammett und Goodis, von Manchette und Malet stehen. Sie sind nur nicht so populär, wie sie sein sollten. Ulf Miehe und Frank Göhre sind die deutschsprachigen Meister des Noir, Miehe brachte mit seinen Romanen hardboiled und noir in die deutschsprachige Kriminalliteratur, Göhre entwickelte den „Noir made in Germany“ (Ulrich Noller) mit seinem eigenen, distinktiven Stil weiter.

Melancholische Helden

Bereits mit seinem Debütroman brachte Ulf Miehe 1973 einen anderen Ton in die deutschsprachige Kriminalliteratur. In „Ich hab noch einen Toten in Berlin“ wird die Geschichte des Regisseurs Benjamin und Autoren Gorski erzählt, die im Berlin der 1970er-Jahre für einen Kriminalfilm recherchieren wollen. Er soll sich eng an der Wirklichkeit orientieren, also nutzen sie ihre Kontakte in das kriminelle Milieu für Nachforschungen, dann kommen sie aufgrund fortgesetzter Geldsorgen auf die Idee, dass sie ihren Plot in die Tat umsetzen und einen Geldtransport überfallen sollten. Die Realität ist wichtiger als die Fiktion.

    Es sind die Details, die die Handlung vorantreiben, die Schilderungen der Planungen und Abläufe. Dabei ist Miehes Stil ebenso karg wie filmisch, der Leser taucht wie eine Kamera in das Geschehen ein. Diese Nähe zum filmischen Erzählen zeigt sich auch in Miehes zweitem Roman „Puma“, der drei Jahre später erscheint. Nach einer verbüßten Haftstrafe will Franz Morgenroth mit der Entführung der Industriellentochter Billy reich werden, doch dann verliert er zunehmend die Kontrolle über die Ereignisse. „Puma“ ist eine illusionslose Gangstergeschichte vom letzten großen Coup, der dann doch schiefgeht, das Buch erinnert an die Filme Jean-Pierre Melvilles – und Morgenroth an Lino Ventura, der ihn wohl auch in der geplanten Verfilmung spielen sollte.

    Ulf Miehes Protagonisten sind Männer, die sich an das Gesetz der Straße halten, das mehr bedeutet als bürgerliche Moralvorstellungen. Sie begehen Straftaten und sind in bester Noir-Tradition ‚Verbrecher‘ mit Tiefgang. Auch Rick Jankowski, Protagonist in Miehes letztem Roman „Lilli Berlin“, gehört dazu. Er ist aufrichtig und melancholisch, konnte seine große Liebe Lilli nie vergessen, die ihn einst allein in den Westen fliehen ließ, und widersteht noch heute den Avancen der netten Carmen, die ihm außerordentlich gefällt. Lange Zeit war er im Ausland, nun ist er in die BRD zurückgekehrt und hat eine Anstellung als Fahrer bei dem zwielichtigen, paranoiden Industriellen Werner Karl Lausen in West-Berlin angenommen. Dann erfährt er, dass dieser als Fluchthelfer agiert – und bekommt zufällig die Gelegenheit, Lilli in den Westen zu holen. Die Stasi, Politiker und alte Freunde mischen mit, doch Rick kann sich diese Chance auf sein Glück nicht entgehen lassen und setzt ebenso wie Frank Morgenroth alles auf eine Karte.

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