Am Anfang weht der Geist der 68er

von Carsten Germis

Mitte der 80er-Jahre veranstaltete die Evangelische Akademie in Rehburg-Loccum eine Tagung zum Krimi, die sich noch heute nachzulesen lohnt. Thema:  “Der neue deutsche Kriminalroman”. Autoren wie Hansjörg Martin, Friedhelm Werremeier, Michael Molsner, Irene Rodrian, – ky (hinter dem Pseudonym verbirgt sich der Berliner Soziologieprofessor Horst Bosetzky), auch der später zur Riege der neuen Autoren gestoßene Fred Breinersdorfer gehörten damals zu den Teilnehmern. Vor allem Martin, mit dem alles begann, dann Rodrian, Werremeier, Molsner und von Anfang der 70er-Jahre an schließlich Bosetzky gelten als Schriftsteller, die am Beginn des (west-)deutschen Krimis stehen. Nicht dass in der alten Bundesrepublik in den 50er- und frühen 60er-Jahren keine Kriminalromane gelesen worden wären. Doch meistens setzten die Verlage damals auf Bewährtes aus Amerika und England. Edgar Wallace war der Straßenfeger – in Deutschland war er möglicherweise populärer als im angelsächsischen Sprachraum. Obwohl Wallace seine Krimis vor dem Krieg schrieb, kam sein Erfolg in der Bundesrepublik erst in den 50er- und 60er-Jahren. So gab es nach dem 1959 gedrehten deutschen Spielfilm „Der Frosch mit der Maske“ in den 1960er- und 1970er-Jahren einen regelrechten Edgar-Wallace-Boom in Deutschland mit 38 Wallace-Verfilmungen.

    In der DDR hat sich fast zur gleichen Zeit ebenfalls eine eigene Krimi-Tradition entwickelt. Was den Bürgern der (alten) Bundesrepublik der „Tatort“, das wurde den Ostdeutschen der „Polizeiruf 110“. 1970 war die Verfilmung von Werremeiers „Fahrt nach Leipzig“ mit Hauptkommissar Trimmel die erste Folge eines „Tatorts“, der bis heute beliebtesten deutschen Krimiserie; in Ostdeutschland folgte 1971 der „Polizeiruf 110“. Begründen Werremeier und Co. die neue deutsche Krimitradition? Bauen die heute bekannten Autoren auf ihrem Erbe auf? „Wenn es aus heutiger Sicht häufig so scheint, als habe es bis zum Aufkommen des neuen deutschen Kriminalromans in den sechziger Jahren abgesehen von einigen Ausnahmen keine deutschen Kriminalromane gegeben, so ist dies wohl nicht nur der Ignoranz der Nachgeborenen anzulasten“, schreibt der Berliner Literaturwissenschaftler Carsten Würmann in einem Beitrag „Zum Kriminalroman im Nationalsozialismus.“ Selbst –ky griff in seinem Krimi über den Berliner S-Bahn-Mörder von 1940 („Wie ein Tier: der S-Bahn-Mörder“) bei der Recherche zum ersten Kriminalroman über diesen damals spektakulären Fall: Axel Alts „Der Tod fuhr im Zug“, erschienen 1944 in der Reihe „Neuzeitliche Kriminalromane“. Axel Alt war ein Pseudonym von Wilhelm Ihde, Geschäftsführer der Reichsschrifttumskammer, Mitarbeiter des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda und Autor von Kriminalromanen.

    Bevor ich hier auf die Anfänge des Krimis im Westen Deutschlands eingehe, ein paar Worte zur Tradition. In der wissenschaftlichen Forschung ist es mittlerweile unbestritten, dass es auch in Deutschland eine lange Tradition des Kriminalromans gibt. Hans-Otto Hügel hat das mit seinem bahnbrechenden Buch über „Untersuchungsrichter, Diebsfänger, Detektive: Theorie und Geschichte der deutschen Detektiverzählung im 19. Jahrhundert“ eindrucksvoll belegt. Mittlerweile liegen sogar in englischer Sprache Anthologien vor, in denen Autoren wie Adolph Müllner, Adolf Streckuss, Auguste Groner oder Balduin Groller gewürdigt werden.

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