Liebe Leserinnen und Leser,

eigentlich hätten in der ersten Ausgabe der Gazette 2015 die Leser zu Wort kommen müssen. Schließlich kennt sich jeder mit der Mafia aus. Egal, ob Soprano-Fan oder Vito-Corleone-Anhänger oder auch Boardwalk-Empire-Dauerseher. Wir sind ständig auf der Suche nach der neuesten Lieferung Schnaps, dem hinterhältigsten Verrat, der Korruption. Die Mafia ist zur Ikone des Genres gewuchert. Zum Zitatenfänger manchen Abendessens, wo es auf die Matratzen geht oder Angebote unterbreitet werden, die nicht ausgeschlagen werden können. Die Mafia sind wir. Im Geheimen. Auch wir würden doch für unsere Familie morden, oder?

Thomas Wörtche geht in seiner Kolumne „The Family that lays together stays together …. Warum Familie so suspekt ist“ unserem unterschwelligen Wunsch nach, zu dieser Familie zu gehören. Sei es für zwei Stunden im Kino oder über die Langstrecke im Buch. „Schon beim Namen Corleone erklingen sofort Trompetenklänge im Hinterkopf, entstehen Bilder von Marlon Brando und Al Pacino, die im feinen Anzug im Halbschatten sitzen“, lautet der erste Satz in Sonja Hartls Betrachtungen über Mario Puzos „Der Pate“.  Dem Herzstück jeglicher Mafiaverklärung. Doch la famiglia findet nicht nur in New York statt. Auch in Japan. In „Die Yakuza entdeckt den Casinokapitalismus” beschäftigt sich Carsten Germis mit einem Kenner der japanischen Mafia: Jake Adelstein. Neues Gewand, neue Machthaber, neue Ideologien entdeckt Nicole Korzonnek in „Zwischenweltengänger mit eigener Wirklichkeit“ bei Giancarlo de Cataldo. Was dieses Disneyland im Genre für Film und Bühne, für Schauspieler bedeutet, lesen Sie in „Einmal Mafioso sein“. Robert Bracks Story in der Januarausgabe widmet sich einem authentischen Fall. Weniger um eine sagenhafte kriminelle Vereinigung als um politische Verstrickungen und die Tatsache, wie leicht jemand zum Staatsfeind auserkoren wird. Nach einer wahren Begebenheit 1932 in Eckernförde.

Da gibt es sie nun, die Lucchese-Familie, Genovese-Familie, Gambino-Familie, Colombo-Familie, Bonanno-Familie. Die Wurzeln reichen bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zurück. Jedes Oberhaupt bei Wikipedia mit genauem Zeitraum der Herrschaft versehen. Hinter dem letzten Namen dann nur ein Strich. Ende offen. Carmine, Natale, Vittorio, Gaeitano. Was für Namen. Stoff für hunderte neuer Geschichten.

„Was die Mafia macht, lehne ich ab. Aber in jedem Menschen steckt ein Stück Mafia – jeder ist ein bisschen Schwein“, soll Adriano Celentano gesagt haben. Und der ist bekanntlich Italiener.

Wir wünschen Ihnen ein tolles 2015.

Viel Spaß beim Lesen
Ihre
Polar Gazette