The Family that lays together stays together … Warum Familie so suspekt ist

von Thomas Wörtche

Meine Lieblingsfamilien sind, glaube ich, gar nicht die Corleones oder die Sopranos oder die Guzmans. Ganz oben stehen bei mir die Addams Family, die Lannisters und vielleicht Arizona Donnie Barker, besser bekannt als Ma Barker (nicht zu verwechseln mit Ma Baker, die aus ganz anderen Gründen grauenhaft ist), und ihre nette Sippschaft – und natürlich Darwin, Jeeves und Lester Tremor – wer mag sie nicht, die putzigen Kerlchen?

Vermutlich soll ich auch nicht über die Macbeths schreiben, nicht über die Manns, die Krupps, die Kennedys, die Borgias oder andere Sippen aus Kultur, Geschichte und schon gar nicht aus meiner Verwandtschaft. Obwohl …

Ganz um das obligatorisch-einschlägige Karl-Kraus-Zitat kommt man sowieso nicht herum, auch wenn das Krause Karlchen (dito obligatorischer Kalauer an der Stelle) gerade aktuell mal wieder in den Fokus kritischer Betrachtung gerückt ist: „Das Wort Familienbande hat einen Beigeschmack von Wahrheit“, notierte er 1907 im 237. Heft seiner FACKEL, einer eher schwächeren Ausgabe, die ansonsten aus ein paar weiteren, gemischten, nicht ganz so dollen Aphorismen und Maximen besteht, denen – den Aphorismen und anderen, komplexionsverdichtende Kleinstformen für den beeindruckenden Smalltalk-Gebrauch – grundsätzlich zu misstrauen nicht nur Roland Barthes rät. Plus einem länglichen-wirren Text über „Perversionen“, womit der krakelende Kakanier irgendwie die Homophobie der Zeit geißelt, was an sich lobenswert ist, sich dazu allerdings extrem seltsamer Argumente bedient, was man nun wiederum seinerseits geißeln müsste, wenn es um dieses Thema ginge. So ist es nur bemerkenswert, dass Kraus die doppeldeutige Familienbande nächst der Homosexualität positioniert. (Der Rest des Heftes ergeht sich im üblichen Maximilian-Harden-Bashing, das ist wenig signifikant.)

Homosexualität darf nicht vorkommen, in der Familie, über die wir hier reden wollen – in der Mafia-Familie. L.R. Carrino hat aus diesem Stoff einen interessanten Roman aus dem Camorra-Milieu gemacht: „Der Verstoß“, der das Familien-Thema direkt an diesem einen neuralgischen Punkt angeht. Denn wenn wir schon bei unklaren Terminologien und Begriffsfeldern sind: Im machozentrischen Weltbild („homosozial“ darf man auch an der Stelle sagen, habe ich von Hans-Richard Brittnacher gelernt, der in seinem großen „Sopranos“-Aufsatz „Glanz und Elende der Mafia. The Sopranos als Sittengemälde aus New Jersey“ in dem nützlichen Sammelband: „Die neue amerikanische Fernsehserie“ diesen Begriff richtig liebgeworden hat, so frequent, wie er ihn einsetzt) könnte man nämlich durchaus als schwul gelten, wenn man zum Psychotherapeuten rennt. Erst recht wenn der Shrink weiblich und man sowieso auf Prozac ist.

Sie haben´s verstanden … Wir sind bei unserem aufgegebenen Thema angekommen: La mafia als la famiglia, damals und heute …
     Worauf mir zunächst mal einfällt – hat das überhaupt jenseits von Mafia-Folklore funktioniert? Die Familie als tatsächlicher Schutzraum, nicht nur als Alibi-Nebelkerze für omertà und andere Rituale der Strafvereitelung. Wenn man die einschlägigen (Früh-) Geschichten der Mafia, Camorra und ´Ndrangheta liest – vor allem die von John Dickie und to be up to date die Sachen von Misha Glenny, für Lokalkolorit meinethalben Roberto Saviano, aber bitte nichts von Donna Leons „Mafiaberaterin“ (meine Güte, so sind die Romane ja dann auch) Petra Retski –, dann sind biologische Verwandtschaftsverhältnisse sicher ein stabilisierendes sekundäres Strukturelement, die aber notfalls der familien-artigen oder –analogen spezifischen Organisationsform des Organisierten Verbrechens geopfert werden muss. Die „Familie“, von der la mafia oder la cosa nostra et al sprechen, ist eine Metapher. Ein Abschottungssystem, bei dem biologische Verwandtschaft hilfreich sein kann, aber nicht muss. Sie scheint per definitionem mit der italianità des „klassischen“ multimedialen Mafia-Narrativs verbunden zu sein. Nur funktioniert das genauso wie Triaden, Yakuza, cárteles und andere ethnisch-geographische Sortierungen – Familie, Sippe, Clan, eben intime soziale Bindungen, die – zu Netzwerken zusammengeschlossen – größer sind als die genetische Familie und insofern auch anderen Regeln gehorcht.

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