VERKEHRTE WELT

von Robert Brack

Als sie ein Stück weit auf die Bucht hinausgesegelt sind, dreht Karl sich um und schaut zurück: Das werde ich auch vermissen.
     Im grellweißen Licht des fast vollen Mondes sind die Umrisse der Torpedoversuchsanstalt zu erkennen. "Komm ihr bloß nicht zu nahe", hatte sein älterer Bruder mal zu ihm gesagt, als sie mit der Jolle unterwegs waren. "Ab und zu verlieren die so ein Ding, und dann saust es durch die Förde und sucht sich ein passendes Ziel." Das war natürlich Unsinn gewesen, die TVA verlor nie einen Torpedo. Aber der Gedanke, dass so ein herrenloses Geschoss wie ein gefährlicher Hai die Bucht durchkämmt und ein Opfer sucht, war ihm, dem damals Dreizehnjährigen, aufregend erschienen.
     Jedes Mal, wenn er segelte, hatte er die Geschichte weitergesponnen, und es wären sehr viele Dampfer versenkt worden und hunderte Menschen ums Leben gekommen, wenn er nicht heldenhaft von seinem Boot in die Fluten gesprungen wäre, um das mörderische Unding einzufangen und zu entschärfen. Ruhm und Ehre und Hildes Gunst winkten stets am Schluss dieser Geschichten.
     Heute weiß er, dass man im wirklichen Leben besser nicht den Helden spielt.
     Der kalte Wind aus Nordost macht ihm klar, dass er nirgendwo auf Mitleid zählen kann. Nur auf diesen einen Freund, der ihn jetzt nach Dänemark bringt, wo er allein klarkommen muss.

Hermann erwartete ihn am Strand von Borby. Das kleine Boot, mit dem sie an freien Tagen im Sommer ihre Törns gemacht hatten, lag halb im Wasser, halb auf dem Sand. Wind und Wellen rüttelten ungeduldig daran. "Steife Brise macht nichts", hatten sie früher getönt, vor allem wenn Mädels in der Nähe waren. "Binnenimmen" hatten sie die genannt, weil "Landrättinnen" bei den hübschen Urlauberinnen nicht angebracht war. Haselnussbraune schlanke Arme und Beine in Strandkörben, wippende Brüste beim Burgenbau, Kichern, wenn man ranging, und Kieksen, wenn man sie in die kalten Fluten warf.
     Inzwischen war er zu alt für solche Balgereien und hatte überlegt, ob er jetzt, Anfang 30, nicht doch den Hafen der Ehe ansteuern sollte. Hilde war zwar längst vergeben, aber da war ja noch ihre wesentlich jüngere Schwester. Als Beamter wäre er eine solide Partie gewesen. Bis das Schicksal im letzten Jahr an einem Tag im Sommer eine andere Verwendung für ihn fand. Da hieß es Knall auf Fall: Schluss mit der soliden Existenz! Weil er seine Pistole gezogen hatte.

Der Weg zum Strand mitten in der Nacht – früher war das immer etwas Besonderes gewesen. Egal zu welcher Jahreszeit und in welcher Gemütsverfassung. Düstere Gedanken, Ärger, Trauer oder unsinnige Sehnsüchte wurde er immer schon auf der Strandpromenade los. Normalerweise war es nicht einmal nötig, in Kämmerers Strandhalle einzukehren oder sich auf einen Klappstuhl davor zu setzen, um ein Bier zu trinken. Es reichte schon, nach Einbruch der Dunkelheit unter den Bäumen entlangzuschlendern, fort von den Laternen, die in der Nähe des Strandhotels scheinbar heller leuchteten als anderswo. Eine Weile, aber das war schon lange her, hatte er im Vorbeigehen in den hölzernen Vorbau gespäht, ob Josephine "die teuren Gäste" bediente. Mit ihr, die immer so lustige Formulierungen fand, hätte er sich sogar etwas Festeres vorstellen können. Aber dann war dieser blonde Kerl aus Helsingör gekommen, und sie war nach Dänemark gezogen. Vielleicht läuft sie mir dort über den Weg, mit ihren dänischen Gören. Weißt du noch, wie du großspurig auf der Terrasse des Strandhotels gesessen hast, mit einer Zigarre, um den dänischen Nebenbuhler auszustechen? Große Gesten mit Blick über den Steg aufs glitzernde Wasser und die blitzweißen Segel nahe der Hafeneinfahrt und der Reede, als würde das alles dir gehören. Aber Josie war gar nicht beeindruckt gewesen.
     Wenig später zog er die Polizeiuniform an. Damit konnte er mehr Eindruck schinden, aber eher bei den kleinen Jungs. Die großen Mädels hielten respektvoll Abstand. Die Bengel wiederum wurden älter, rotteten sich zusammen und hoben irgendwann drohend die Fäuste gegen die Staatsgewalt. Wenn du da Eindruck schinden wolltest mit deiner Uniform und der Dienstpistole, musstest du schießen – und anschließend die Konsequenzen tragen.

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