Zwischenweltengänger mit eigener Wirklichkeit

von Nicole Korzonnek

Mafia. La Famiglia. Sofort hat man Puzos „Paten“ in den Hirnwindungen herumspuken. Es riecht nach Wein, Pizza, Bleikugeln und feuchtem Beton. Die Ohren klingeln von schnellen Schusssalven, während im Hintergrund noch die Restaurantmusik als nicht totzukriegendes Klischee weiterdudelt. Es geht um Drogen, Raub, Erpressung, Geldwäsche, Prostitution, Spielhöllen, Grundstücksspekulationen, Betrug und immer wieder Mord, Mord, Mord. Kleinkriminelle, die sich hocharbeiten. Paten, die eine Familientradition fortführen. Dank Puzo, der bis zu seinem ersten Mafia-Roman noch nie mit dem organisierten Verbrechen persönlichen Kontakt hatte, wurden Camorra und Co. literarisch quasi über Nacht gesellschaftsfähig. Der ganzen kriminellen Brutalität hing plötzlich auch etwas Romantisches an. Weil sich Puzo mit seinen Figuren verbrüderte; weil er seiner erfundenen Mafia direkt über die Schulter schaute, statt sie aus der Perspektive von Recht und Ordnung zu zeigen, wie sonst in der Belletristik noch immer üblich ist, wenn man sich zum Beispiel die Romane von Giancarlo Carofiglio, selbst Anti-Mafia-Anwalt, anschaut; weil er die Mafia menschlich machte, indem er ihre grauenhaften Verbrechen mit viel Seele und noch mehr Herz überdeckte; weil seine Mafia nun einmal von vorne bis hinten rein fiktiv – und dementsprechend formbar ist.

Wie anders sieht es doch da in der Realität aus. Zahlreiche Sachbücher zum Thema Mafia belegen es immer wieder: feste Strukturen, knallharte Hierarchien, Gier, Macht und Maßlosigkeit in allen Belangen. Und doch ist das Prinzip Mafia ein fragiles Konstrukt. Es braucht nur eine Gelegenheit und eine gezielte Kugel. Oder ein gewieftes, durchtriebenes Gehirn, das eiskalt und mit viel politischem Kalkül zu manipulieren weiß. Schon drehen sich die Machtverhältnisse um hundertachtzig Grad. Was bleibt, was sich nicht ändert, ist der Hang zur Tradition. Denn selbst wenn reformiert wird, bleiben bestimmte Strukturen immer wieder bestehen. Bestes Beispiel hierfür ist Raffaele Cutolo, genannt „Professore“, der 1970 aus einem Gefängnis in Neapel heraus die Nuova Camorra gründete.

Die Mafia in einem neuen Gewand, mit neuen Machthabern und neuen Ideologien, derweil die Geschäftsfelder die alten blieben. Was zählte, war Machtvermehrung durch Expansion. Noch mehr Drogen für noch mehr Geld, um noch mehr Einfluss zu gewinnen. Trotz interner Krisen, Umwälzungen oder gar Kriegen: der Mafia konnte keiner etwas. Und wenn die schützenden Hände aus Wirtschaft und Politik und korrupter Justiz nicht mehr halfen, ließ man halt Bomben und Kugeln den Rest erledigen. Das Morden von Anti-Mafia-Richtern hat seit Jahrzehnten Tradition.

Und genau an dieser Stelle kommt Giancarlo de Cataldo ins Spiel und verbindet Realität mit Belletristik, was dann auch der entscheidende Unterschied zu Puzo ist, der sich rein auf das Fiktive stützte. Denn de Cataldo war 1995 der verantwortliche Richter beim berühmten Prozess gegen die noch berühmtere Magliana-Bande in Rom, die die Ewige Stadt seit den 70er Jahren in Atem hielt. Drogen, Mord, Erpressung, Raubüberfälle, illegale Spielhöllen, Prostitution und Grundstücksschwindeleien. Die Magliana-Bande hatte quasi überall ihre Finger mit im Spiel. Doch die Macht der Straße entkam nicht dem Arm der Justiz: ein Bandenmitglied nach dem nächsten wanderte in den Knast. Die Magliana-Bande wurde zunächst durch de Cataldo in den 90ern zu Geschichte, bevor er sie 2002, nach fünf Jahren zusätzlicher und intensiver Recherche, mit seinem Thriller „Romanzo Criminale“ zur Legende machte. In seinem Buch, inzwischen zweimal höchst erfolgreich für Kino und Fernsehen verfilmt, verbindet der schriftstellernde Richter Fakten mit Fiktion. Er lässt die Bande rund um dessen Chef Franco Giusepucci, den er für sein Verbrecherepos Libanese tauft, noch einmal aufleben, hält sich ganz nahe an reale Ereignisse und durchsetzt sie mit erfundenen Figuren und deren Zwischenmenschlichkeiten samt Herz und Seele.

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