Einmal Mafioso sein

von Wolfgang Franßen

Am 9. Dezember letzten Jahres titelte die SZ: „Im römischen Sumpf“. Der sozialdemokratische Bürgermeister von Rom hatte der „Mafia Capitale“ den Kampf angesagt. In deutschen Ohren klingt das nach einem Stoff für die nächste Miniserie mit Mario Adorf in der Hauptrolle. Neben dem Kolosseum und la dolce vita gehört zum Kulturgut des Deutschen, wenn er an Italien denkt, das Chaos. Angesichts von „Mafia Capitale“, in der sich Faschisten, Politiker, Kriminelle, Beamte wie Unternehmer gegenseitig die Bälle zuschoben, äußerst folkloristisch. Die Mafia gehört zum Gut des Tourismus. Wer fährt schon nach Sizilien, ohne an die Cosa Nostra zu denken? Italien der Operettenstaat. Rom unterwandert. Korruption all überall. Offensichtlich bringt das Elend der Einwanderer neuerdings mehr Geld ein als der Drogenhandel.

Und dann die Umsetzung. Es gibt nichts Bewährteres, als einen Klassiker auf der Bühne ins Mafiamilieu zu transportieren, wenn die Kassen nicht klingeln. Außer den Werktreuen liebt das Abonnentenpublikum nichts so sehr wie die Bilder aus dem Fernsehen. Dantons Tod als Clique auf dem Traumschiff. Die Räuber als Tatortverschnitt. Und natürlich Macbeth, Hamlet als die Mafiadramen. Immer wieder la famiglia. Das Publikum will einen Abklatsch von Marlon Brando sehen. Am besten mit ausgestopften Backen. Zumindest Tony Sopranos Ohnmachtsanfälle müssen sein. Der Borsalinoanzug mit Hut und weißer Krempe gehört zur Grundausstattung des Karnevals. Er bevölkert die Bretter, die die Welt bedeuten. Egal ob als Oberboss oder als Kapo in Othello auf der Ersatzbank sitzend. Das Schutzgeld regiert die Welt. Die Liebe wird verraten. Die Politik geschmiert.

Wer sehnt nicht nach dem nächsten Auftritt eines Pacino, de Niro, Liotta oder Paul Sorvino? Abgründe allerorten, ärmliche Verhältnisse so schillernd bunt wie die Unterwäsche auf der Leine. Der Leitspruch: „Du hast keine Chance, also nimm die nächste Straßenecke ein“, ist zum Allgemeingut geworden. Zumal der Spießbürger sich darauf verlassen darf: der Aufstieg ist rasant und der Fall bodenlos. Also alles im Rahmen. Besser gesagt am Ende hinter Gittern. Nicht alle Mafioso sterben in ihrem Garten wie Don Corleone.

Was Walt Disney für den Zeichentrick geleistet hat, spiegelt sich im Mythos der Mafia in Filmen von Scorsese oder Zuckergussromanen wie Puzos Der Pate wieder. Das kriminelle Klischee lebt. Mal aus der Mitte, mal vom Rand aus erzählt. Dabei haben in den letzten Jahren zahlreiche Autoren versucht, dem organisierten Verbrechen eine weit weniger verklärende Note abzugewinnen. Nieder mit dem Hohelied auf la famiglia!

Allein der Gedanke daran erscheint einem Killer wie Leonard March in Dave Zeltsermans Killer wie ein Sakrileg. In Zeltsermans Geschichte kauft sich ein 28-facher Auftragsmörder frei, indem er seinen Boss ans Messer liefert und ist nach 14-jähriger Haft plötzlich auf freiem Fuß. Ist schließlich nur ein Job gewesen. Hat nichts anderes gelernt. Von irgendwas muss man schließlich leben. Alle hassen seinen Verrat. Jene, die verraten worden sind … natürlich, jene, die immer anständig waren … natürlich, seine Familie, selbst jene, die ihn unbedarft kennenlernen … vor allem hasst er sich selbst. Seinem Wesen kann niemand entfliehen. Wir nehmen uns halt überall mit hin. Ins Gefängnis wie in die Freiheit. Noir at its best. Und wenn die guten Bürger einen halt nicht wollen, die alten Freunde, einen wieder in den Sumpf ziehen, es mit der Gerechtigkeit eh nicht weit her ist, dann ist es doch eh egal, oder? Eine Rolle für den alternden James Caan.

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