„Die Yakuza galt von jeher als notwendiges Übel, sogar als zweite Polizei, die Japans Straßen effektiv von Räubern und gewöhnlichen Dieben säubert“, erklärt Adelstein. Tatsächlich ranken sich viele Gerüchte darum, wie eng Polizei und Yakuza zusammenarbeiten, um zumindest an der Oberfläche Ruhe und Ordnung in den Städten des Landes zu wahren. Zwar hat Japan Anfang der 90er-Jahre die Gesetze gegen die Yakuza verschärft; die Rezession, die die organisierte Kriminalität danach erlebte, hat laut Adelstein ihre Macht aber nicht gebrochen. Sie agiere unter der Oberfläche.

Eigene Erfahrungen bestätigen diesen Befund: Wer zum Beispiel in Saitama – der Nachbarpräfektur Tokios, in der Adelstein vor zwanzig Jahren erstmals als junger Polizeireporter mit der Yakuza zu tun bekam – Polizisten fragt, wie es denn mit der organisierten Kriminalität bei ihnen aussehe, der erntet neben einem freundlichen Lächeln nur ein noch freundlicheres Schweigen. Die Polizei will die Yakuza kontrollieren, ihre Tätigkeiten auch einschränken – aber ganz offenkundig will sie sie nicht zerstören.

2006 stellte die Polizei in Tokio eine Liste mit rund 1000 Tarnfirmen der Yakuza in der Hauptstadt und der näheren Umgebung zusammen. Rund ein Fünftel davon waren Immobilienfirmen. „Die neueste Liste zeigt, dass die Yakuza sich jetzt noch häufiger mit Wertpapieren, Wirtschaftsprüfung, Finanzberatung und ähnlichen Tätigkeiten beschäftigt“, berichtet Adelstein. Auch den sogenannten sozialen Medien im Internet wenden sich die Kriminellen neuerdings zu und investieren dort ihr Geld: „Leichter lässt sich der Zugang zu Daten, die man für Erpressung nutzen kann, nicht finden.“ Mehr als 86.000 Yakuza-Mitglieder gibt es nach Polizeischätzungen in Japan – eine Dimension, von der die amerikanische Mafia in ihren besten Zeiten nicht zu träumen wagte.

„Hanshakaiteki seiroyoku“ werden die Yakuza-Organisationen in der japanischen Gesellschaft heute euphemistisch genannt, „antisoziale Kräfte“. Sie selbst bezeichnen sich dagegen gern als „Kyookaku“, als „edle Ritter“. Geradlinigkeit und Schutz der Schwachen, so lautet angeblich der eigene Ehrenkodex. Viel sei davon nicht mehr übrig, meint Adelstein. Frauenhandel, Drogen, Schutzgelderpressung, wachsende Brutalität, Vergewaltigungen – „sie werden mehr und mehr zu gewöhnlichen Kriminellen“, erklärt er. Mit einem Yakuza-Mitglied der alten Schule arbeitet der Reporter gerade eng zusammen. Der Gangsterboss will seine Biografie veröffentlichen, Adelstein schreibt sie.

Dabei ist schon die Bedeutung des Wortes Yakuza aufschlussreich. Es setzt sich aus den japanischen Slangwörtern für acht, neun und drei zusammen. Bei einem Mahjongg-Spiel sieht das auf den ersten Blick nach einem Gewinn aus, weil es sich auf zwanzig summiert – es hat nach den Spielregeln aber den Wert null. Bis heute rekrutiert sich die Yakuza zum großen Teil aus Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen, vor allem der koreanischstämmigen Minderheit. Ihre Erkennungszeichen sind Tattoos – oft ist der ganze Körper künstlerisch mit Tattoos übersät – oder ein fehlender Ringfinger. Der ist zumeist zum Teil abgehakt worden, um nach einem Versagen die Loyalität zum Boss zu zeigen.

Als Adelstein 1988 aus der amerikanischen Provinz in Missouri nach Tokio kam, um an der Sophia-Universität Japanische Literatur zu studieren, konnte er sich die Unterwelt Japans, die er heute so gut kennt wie wohl kaum ein anderer Ausländer, nicht vorstellen. Er wohnte damals in einem Shinto-Kloster, im Gegenzug unterrichtete er den Abt in Englisch. „Ich mochte Japan einfach“, sagt er.

Während in den Vereinigten Staaten die soziale Ungleichheit immer weiter wuchs, machten die Japaner schon über ihre Sprache deutlich, dass es Gleichheit nicht gebe. Höherrangige werden höflicher angesprochen als Menschen, die unter einem stehen. Doch dabei sei alles höflich, sauber; es gebe keinen religiösen Fanatismus, sagt Adelstein. Dann lacht er: „Und ich mag, dass nicht jeder ein Gewehr hat.“ Japan sei das Land, in dem er – trotz allem – alt werden wolle.

Der Mann, der ihn daran hindern will, heißt Tadamasa Goto. Adelsteins und Gotos Spuren kreuzten sich, als der Polizeireporter von Saitama nach Tokio versetzt wurde und dort über die organisierte Kriminalität im Rotlichtbezirk Kabukicho berichtete. Adelstein schlug sich hier die Nächte um die Ohren. Er soff mit Polizisten, er aß mit Yakuza-Leuten und schlief auch schon mal mit einer der Prostituierten, um an Informationen für seine Geschichten aus der Unterwelt zu kommen. „Ich bin eine Informationshure“, sagt er, und dabei schwingt Stolz mit in seiner Stimme.

Auf der Suche nach einer Freundin, einer ausländischen Hostess, die ihn mit Informationen versorgte, recherchierte er, dass Goto andere Yakuza-Leute an die amerikanischen Behörden verraten hatte, um für eine Lebertransplantation dort einreisen zu können. „Verzichten Sie auf die Story und auf Ihren Job, und alles ist vergessen“, ließ Goto Adelstein über einen Mittelsmann ausrichten. „Doch wenn Sie den Artikel schreiben, werden wir Sie überall aufstöbern.“

Das war die Todesdrohung, die über dem Reporter schwebte. Er ging damals mit seiner Familie zurück nach Amerika, er verließ die „Yomiuri“. Aber er hat die Geschichte veröffentlicht – in den Vereinigten Staaten.

Mancher in Tokio meint, Adelstein sei besessen von Goto. So lang, wie er behaupte, sei der Arm des Gangsters schon lange nicht mehr. Ist er besessen? „Es ist schwer, diesen Kerl zu ignorieren“, antwortet Adelstein nur, schenkt sich nach und schaut sicherheitshalber noch einmal in Richtung Restauranttür. Seit er bei der „Yomiuri“ aufgehört hat, arbeitet Adelstein auf eigene Rechnung.

Als er bei der „Yomiuri“ als Journalist anfing, war er der erste Ausländer, der je als Polizeireporter für ein japanisches Blatt geschrieben hat. Weil er Ausländer ist, nahmen viele ihn damals nicht ernst. Gemeinhin erwarten Japaner nicht, dass Ausländer ihre Sprache sprechen. Selbst wer in Tokio in klarem Japanisch nur nach dem Weg fragt, bekommt oft die überraschende Antwort: „Sorry, I don’t speak English.“

Nachdem das auch Adelstein bei seinen Recherchen anfangs immer wieder so erging, änderte er seine Taktik. „Ich bin Reporter bei der ,Yomiuri Shimbun’ und arbeite an einem Artikel“, stellte er sich vor. „Hier ist meine Karte. Es tut mir leid, dass ich Ausländer bin und Ihre Zeit in Anspruch nehmen muss, aber ich würde Ihnen gerne ein paar Fragen stellen.“

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