Nowhere is a better place to be.

von Wolfgang Franßen

Die Straße. Wer kennt sich auf so einem unwirtlichen Ort besser aus als Cormac McCarthy? Aus seinen Büchern fällt die Trostlosigkeit einer zu langen Reise aus den Seiten. Viele seiner Helden leben in No Country, No Home, No Stay. Geradezu aus dem Kofferraum des ständigen Wechsels heraus. Ein Gefühl, das wir als Leser allzu gerne teilen, wenn wir gerade mal wieder einen Umbruch durchleben. Unterwegs sein, von einem Ort zum anderen, bewahrt einen davor, sich abzufinden oder sich stellen zu müssen.  

Mit Jack Kerouac auf der Suche, mit dem Daumen in der Luft. In der Tradition all jener romantischen Helden, die ihr Glück suchen oder ihre Trauer verwalten. Den sogenannten Outlaws, den Gesetzlosen, die Versprengten. Heimlich leben wir alle auf der Straße, glauben uns im Aufbruch befindlich. Wenn das eine noch eintritt oder das andere, dann aber …

Und doch ist das Leben als Lady Bag bei Liza Cody alles andere als romantisch. Das Klischee vom harten Leben auf der Straße ist ja nur für jene eines, die sich an Fernwärme erfreuen. Manchmal besteht der einzige Lebensinhalt womöglich in einem Gespräch mit einem Hund.

In Cormac McCarthys Suttree verdichtet sich das Gefühl, einem Leben zu folgen, das sich selbst ausspuckt, um doch zu warten. Egal worauf? Hauptsache warten. Den Gesetzen des Noir gehorchend, dass ein Unrecht ungeschehen gemacht werden muss. Dass der Riss in einem unumkehrbar war. F. Scott Fitzgerald hat dazu das straßentaugliche Essay geschrieben.

Und wenn das Wunder geschieht, sich der Horizont auftut, der verlorene Engel erscheint? Steht dann die Rückkehr in die Gesellschaft an? Der Einzug in die Nachbarschaft? Mitten unter jene Leute, die sich gleich fragen werden, ob sie noch sicher auf ihren Grillpartys sind, wenn so einer, einer von draußen sich zu ihnen an den Tisch setzt. Schließlich benutzen die Nachbarn die Straße nur, um von Tankstelle zu Tankstelle zu rollen, um im Vorbeirauschen Fotos zu schießen. An den Wohnwagenparks, den billigen Motels, den Booten, von denen nicht wirklich jemand wissen will, wer da lebt.

Aus den Dreißigern in Amerika stammt unser Bild vom Leben auf der Straße. Von John Steinbeck, von Woody Guthrie. Hagere Gesichter, verschämte Blicke, verzweifelte Gesten. Markierte Menschenleben, die mit dem Rest nichts mehr zu tun haben wollen. Damit ist das Genre vor allem überfordert, wenn es den Plot ins Zentrum rückt, sein einziges Heil in der Spannung sucht. Natürlich ist in den meisten Fällen ein Verbrechen geschehen, dass für die Schieflage gesorgt hat. In Ironweed von William Kennedy ein Mord. Natürlich liegt die Liebe einem so schwer auf der Seele, so dass der Held wie bei David Goodis morgens erst gar nicht mehr aufstehen will. Höchstens wenn der Alkoholpegel stimmt, die Blessuren der letzten Nacht weniger schmerzen.

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