Der eigentliche Protagonist in diesem Drama ist daher auch kein Mensch, sondern etwas Abstraktes. Es ist der Friedensprozess. Der zuletzt noch einmal im Jahr 2002 unter dem Namen „roadmap“ gestartete Versuch, einen Tunnel in die Berge des gegenseitigen Misstrauens zu treiben. Zweistaatenlösung, Anerkennung des Existenzrechts Israels, Verzicht auf Siedlungsbau und Abkehr von jeder Form des Terrorismus (auch des rhetorischen). Der Plan sieht drei Stufen vor. Aktuell befindet man sich irgendwo am unteren Absatz der ersten. Wenn man das Genre des Thrillers so definiert, dass es hierbei um einen Helden geht, der sich „gegen moralische, seelische oder physische Gewalteinwirkung behaupten muss“, dann sind hier die Rollen klar verteilt. Weder die israelischen Geheimdienstler noch die US-amerikanischen Verhandler und erst recht nicht die palästinensischem Extremisten oder deren arabisch-christliche Helfer sind die eigentlichen Hauptdarsteller, nein, es ist der Friedensprozess selbst, um dessen Erhalt hier gerungen wird. Schließlich soll ein Vertrag gezeichnet werden. Und Littell kommt damit der wirklichen Nahostdiplomatie sehr, sehr nahe. Denn als oberste Maxime geht es immer darum, den „Prozess“ am Leben zu erhalten, ihn zu befördern oder jedenfalls nicht irreparabel zu beschädigen. Und nichts anderes versuchen Abu Bakr und Apfulbaum. Der eine durch blanken Mord. Der andere durch geistige Brandstiftung und – wenngleich dies im Dunkeln bleibt – wohl auch die ein oder andere gewaltsame Handlung.

Am Ende muss man daher fragen, was eigentlich Littells politische Botschaft ist. Oberflächlich betrachtet scheint zumindest er den Friedensprozess aufgeben zu wollen. Der Stein bleibt ungebrochen und am Ende der Straße fallen wieder Schüsse in den judäischen Bergen und die Luft riecht nach Tränengas. „Vicious Circle“, dies ist der Name des Buches im englischen Original. Aber – so könnte man fragen – wie sollte es auch anders sein, wenn sich zwei Gruppen um das gleiche Stück Land streiten und jeder tief davon überzeugt ist, nur alleine im Recht zu sein? Möglicherweise stehen wir hier also wirklich mit einer Karte in der Hand vor einem Stück Fels und suchen die Durchfahrt, die nicht existieren kann. Road to nowhere. Ohne eine Zeichentrickfigur, die einen pechschwarzen Durchgang auf den Fels pinselt, der sich plötzlich benutzen lässt.

Die Wahrheit kann aber auch eine andere sein. Es muss nicht so schematisch enden, wie Littell es beschreibt, und nicht jede Gräueltat auf der einen oder der anderen Seite muss automatisch eine altbiblische Vergeltungstat nach sich ziehen. Littell selbst legt seinem US-amerikanischen Chefunterhändler Zachary Taylor diese Hoffnung in den Mund, wenn er sagt, dass es ihm gelingen muss, „die schweigende Mehrheit für den Frieden zu mobilisieren“. Frauen, Männer und Kinder also, die sich von den angeblich so zwingenden Fesseln ihrer Zeit freimachen können. Alles Menschen, wie sie in Littells Geschichte in keiner einzigen Szene in Erscheinung treten. Ganz persönlich glaube ich immer noch, dass der mittlerweile viel gescholtene arabische Frühling diese Idee der Emanzipation in sich trägt. Was auch immer im Moment aus dem Umbruch in Nordafrika und Syrien geworden sein mag, so hat doch alles mit dem Ruf nach Freiheit und individueller Würde begonnen. Die Menschen müssen sich nur auf den Weg machen und erkennen, dass man Berge auch umfahren kann, wenn es für einen Tunnel nicht reicht.

 

                 Jörg Walendy © 12/2014

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