Im Tunnel

von Jörg Walendy

Eigentlich sind es nur knapp fünfzig Kilometer Luftlinie zwischen Ramallah und Tel Aviv. Bei freier Straße ist das in weniger als einer Stunde machbar. Verdeck auf. Musik an. Mittags schwimmen am Strand. Nachmittags zur Grillparty hoch in die Berge. Theoretisch. Denn die Straße ist von Kontrollpunkten zerschnitten. Jerusalem und die „green line“ zwischen „Israel proper“ und dem Westjordanland, beides liegt dazwischen. Ein Konflikt, der uns nicht loslässt.

Könnte die Strecke nicht untertunnelt werden? Gewissermaßen den Konflikt ausblenden und einfach von „hier“ nach „dort“ fahren? Nun, politisch ist dies versucht worden. Nur der Stein war bisher noch zu hart.

“It’s not that there’s no light at the end of the tunnel. Everybody sees the light at the end of the tunnel. The light at the end of the tunnel is blindingly clear and obvious. The problem is there’s no tunnel.”

So jedenfalls eine der zahlreichen Verhandlungsweisheiten aus gefühlten fünfzig Jahren Friedensprozess.

Und das scheint ja auch zu stimmen, denn "im Prinzip" ist ja alles klar. Es existieren Berechnungen hochbezahlter Wissenschaftler, wie zum Beispiel der sogenannten Aix-Group, die für jede Facette des Konflikts darlegen können, wie viel diese oder jene Kompromisslösung kosten würde. Die Verteilung von Land und von Wasser. Der Bau eines Aquädukts vom Roten bis zum Toten Meer. Die Ansiedlung palästinensischer Flüchtlinge in „neuen Städten“ im Jordangraben. Die Details der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Israel und Palästina „living side by side in peace and security.“ Auf dem Papier ist alles da. Genauso leicht nachvollziehbar wie die knapp fünfzig Kilometer in der Realität, wenn man die Strecke mit dem Finger auf der Karte nachzeichnet.

Offensichtlich fehlt es also an etwas anderem. Am Vertrauen beider Seiten zueinander. Doch dies ist sehr wohlfeil eingefordert, wenn man nicht den Alltag einer Besatzungssituation oder den von realen Terrorismus- und Vernichtungsängsten lebt.

Robert Littell hat in seinem Thriller „Die Söhne Abrahams“ daher auch einen anderen Weg gewählt, um die Lage vor Ort zu beschreiben. Alle handelnden Personen des Romans sind von ihren eigenen Dämonen getrieben. Niemand ist ohne Schuld. Erst recht nicht die Hauptfiguren, Rabbi Apfulbaum und Abu Bakr, die beide mit Blindheit geschlagen sind. Körperlich – wie politisch. Und gerade deswegen verstehen sie sich trotz anfänglicher Todesfeinschaft so blendend auf intellektueller Ebene und müssen erkennen, dass sie sich in ihrer Kompromisslosigkeit und ihrem Beharren auf die Absolutheit der jeweiligen religiös verbrämten Standpunkte sogar erschreckend ähnlich sind.

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