Am Anfang war der Ort

von Carsten Germis

Ein guter Plot, starke Charaktere – das ist es, was nach Ansicht der meisten Kritiker einen guten Kriminalroman ausmacht. Und der Ort? Spätestens seit den Krimis von Dashiell Hammett und Raymond Chandler gilt es unter Krimifreunden als gesetzt, dass ein guter Noir in der Großstadt zu spielen hat. Hier zeigt sich der Sumpf der spätkapitalistischen Gesellschaft schließlich offen wie nirgendwo sonst; hier kann der Held sich mit den Bösewichtern anlegen. Der Ort, so scheint es, ist eine Selbstverständlichkeit und für die Entwicklung eines guten Krimis eher eine Nebensache.

Kaum jemand hat dem so deutlich widersprochen wie die Altmeisterin des klassischen, britischen Kriminalromans, Phyllis Dorothy (P.D.) James. In einem Interview mit "The Paris Review" hat die in der vergangenen Woche in Oxford im Alter von 94 verstorbene Autorin gesagt: "Was meine Einbildungskraft entzündet, ist üblicherweise der Ort." Bestes Beispiel dafür ist ihr Roman "Devices and Desires" (deutsch: "Vorsatz und Begierde"). Während eines Besuchs in der Grafschaft Suffolk an der Ostküste Englands ging die Schriftstellerin eines Tages am Strand spazieren. Fischerboote, Netze, die zum Trocknen ausgebreitet waren, im Hintergrund die raue Nordsee. Es war ein Bild, das in seiner Ursprünglichkeit  die Jahrhunderte überdauert zu haben schien. "Dann habe ich mich umgedreht und nach Norden geschaut", berichtet James. Dort sah sie die alles erschlagende, bedrohliche Kulisse des Atomkraftwerks Sizewell. In dem Moment habe sie gewusst, dass ihr nächstes Buch an der Küste Ost-Englands, an einem einsamen Strand im Schatten eines Atomkraftwerks spielen würde. "Ich wusste sofort, dass ich den Schauplatz für meinen nächsten Roman gefunden hatte."

Der Ort, an dem der Kriminalroman spielt, schafft vor allem Atmosphäre. Hier agieren die Charaktere. Hier leben sie, hier handeln sie.  Agatha Christie hat nirgendwo in ihren Krimis um Miss Marple deren Dorf St. Mary Mead im Detail beschrieben. Und doch kennen wir die Dorfstraße, die ordentlichen Vorgärten mit ihren Blumenbeeten. Der Schauplatz ruft beim Leser Stimmungen hervor.  Wer die schottische Metropole Edinburgh des 20. Jahrhundert verstehen und kennenlernen will, kann von den Romanen Ian Rankins und seinem Detektiv Rebus, der die Straßen (und die Kneipen) der Stadt durchstreift, wahrscheinlich mehr lernen als aus allen offiziellen Reiseführern.

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