Dürers Hase

von Bernhard Aichner

Das Einzige, was dieses widerwärtige Schwein mit Dürer gemeinsam hatte, war sein Name. Albrecht Dürer. Abschaum, ein Taugenichts, den es nach Nürnberg verschlagen hatte, eine Namensgleichheit, die nichts als Schande brachte über diese Stadt. Albrecht Dürer, ein brutaler Dreckskerl, der es verstand, Menschen zu benutzen, sie auszubeuten, auszuquetschen, bis nichts mehr von ihnen übrig war. Nur noch Haut, eine Schale mit Wunden. Albrecht Dürer. Wie ein geschmackloser Witz, ein Parasit, ein verschlagener Mistkerl. Dieser Name, eine Demütigung. Kein Künstler, der Großes geschaffen hat, kein Sohn dieser Stadt, der Weltruhm erlangt hat, kein Mensch, auf den man stolz war, nach dem man Straßen und Häuser benannte. Nein. Albrecht Dürer war einfach nur ein Schwein. Ein Zuhälter, ein kleiner Ganove aus Wien, dessen genialster Einfall es war, nach Nürnberg zu ziehen, sich dort ein Haus zu kaufen und ein Bordell zu eröffnen. Mehr war da nicht. Albrecht Dürer war ein Kleingeist, ein Prolet, dem Menschlichkeit fremd war. Verachtenswert alles an ihm. Immer werde ich es sagen, die ganze Welt soll es wissen. Laut schreie ich es hinaus. Damit jeder es hören kann. Albrecht Dürer war ein widerwärtiges Schwein.
Warum ich das sage? Warum ich überhaupt über ihn rede? Diesen Namen in den Mund nehme? Weil er mich fast kaputt gemacht hat. Weil ich eines seiner Mädchen war, eine seiner Nutten, ich war einer seiner Hasen. So nennt man das in Wien. Ein fesches Katzerl, eine Bordsteinschwalbe. Tolle Beine, toller Arsch, geile Titten und eine Muschi zum Niederknien. Ich war Dürers Einser-Hase. Der Beste, den er hatte, sein Goldstück. Ich habe mehr Umsatz gemacht als alle anderen. Weil ich schön bin. Weil es die einzige Möglichkeit für mich war, zu überleben. Nicht unterzugehen.
Keine Aufenthaltsgenehmigung, keine Arbeitsgenehmigung, kein Geld, nichts. Illegal. Unsichtbar in Wien über Jahre, kein Pass, keine Versicherung, kein Recht, keine Hilfe. Nur von Dürer. Ein Leben unter dem Radar. Angst, auf die Straße zu gehen, aufzufallen, kontrolliert zu werden. Krank zu werden, eingesperrt, abgeschoben. Ich wollte nie wieder zurück, wo ich hergekommen war, ich hatte keine Geschichte, es war egal, in welchem Land ich vorher gelebt hatte, welche Sprache ich gesprochen hatte. Nie wieder zurück, kein Gedanke mehr daran, keine Erinnerung. Weil alles besser war als die Vergangenheit. Sogar Albrecht Dürer.
Die Prostitution war die einzige Möglichkeit gewesen zu überleben. Als ich Dürer kennenlernte, fühlte ich mich aufgehoben. Er behandelte mich gut, anfangs. Also bin ich mit ihm mitgegangen. Von Wien nach Nürnberg. Die Hurenhauptstadt Deutschlands, hat er gesagt. Eine göttliche Fügung, sein Name, sein Beruf, unsere wundervolle Zusammenarbeit. In Nürnberg wollte er das große Geld machen, er wollte zum Zuhälterkönig aufsteigen, es allen zeigen. Gemeinsam mit mir wollte er ganz nach oben. Ich war sein Vorzeigehase, die Chefnutte, sein Spielzeug. An guten Tagen versprach er mir sogar, mich zu heiraten, an schlechten Tagen schlug er mich. Mein Alltag in einer zauberhaften Stadt. Die Kirchen, die Burg, fast war es wie im Märchen. Wenn ich durch die Stadt spazierte wie alle anderen. Wenn ich auf der Fleischbrücke stand und Kieselsteine ins Wasser warf. Wie eine Touristin durch die Museen, meine Spaziergänge über den Johannisfriedhof. Stundenlang durch die Gassen der Sebalder Altstadt. Unerkannt, unberührt, außerhalb meines Zimmers, angezogen vor der Lorenzkirche in der Sonne. Weil ich es so wollte. Einfach nur dasitzen. Nur ich in einer wunderschönen Stadt. Immer wenn es ging, wenn die Nächte vorbei waren. Wenn der große Albrecht Dürer es mir erlaubte, mich von seinem Haus zu entfernen.

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