Das Ziel ist das Verderben

von Thomas Wörtche

The Road to Perdition, die Straße ins Verderben, heißt ein programmatischer Film von Sam Mendes, der auf einem Comic-Szenario von Max Allan Collins basiert. Der Weg ist das Ziel und das Ziel ist das Verderben. Das gilt manchmal selbst dort, wo das glückliche Entkommen gelungen scheint. Wer sich in Sam Peckinpahs Film „The Getaway“ mit Doc McCoy und Carol freut, dass sie dem letzten Gemetzel gut entkommen der Freiheit in Mexiko entgegenfahren, sollte sich besser nicht daran erinnern, dass in Jim Thompsons Romanvorlage das richtige Grauen jetzt erst beginnen wird. Die Straße nach Mexiko gerät in der Tat zur Road to Perdition. Eine Pointe, die allerdings nur bei einigem Kontextwissen funktioniert, aber mit Kontextwissen machen viele Dinge sowieso mehr Spaß. Und rücken sich zurecht. Denn das Konzept von „Freiheit“, das mit dem on-the-road-Sein verknüpft zu sein scheint, ist prekär. In den einschlägigen Narrativen, „Bonnie & Clyde“ oder „Thelma and Louise“ enden die Glücksmomente des Freiheitsversprechens im Kugelhagel und im Tod, den man nicht unbedingt als „Preis der Freiheit“ (live fast, die young) verstehen muss, sondern auch als finale Disziplinierungsmaßnahme sehen kann, der die bloße Scheinhaftigkeit utopischer Momente unterstreicht. Schon der Ernst Bloch´sche „Vorschein“ wäre somit repressionsbewehrt. Die Subversion läge dann eher im Satyrspiel des Sub-Genres. Wenn Rubber Duck in Peckinpah´s „Convoy“ totgeglaubt, aber putzmunter seiner eigenen Beerdigung beiwohnt, ist der Noir-Fan leicht beleidigt (und die Rezeption von Peckinpahs Komödie belegt das), der mindestens das Pathos des großen Tötens und Sterbens am Ende verlangt. Überleben ist da keine anständige Option. By the way liegt in dieser seltsamen moralisch-ethisch-ästhetisch-popkulturell-sozialpsychologisch-historischen Hierarchie der (Noir-)Werte, die das Sterben weit höher schätzt als das Leben, der Grund, warum zum Beispiel ein Autor wie Ross Thomas alles andere ist als ein Schriftsteller des noir. Bei ihm ist Überleben eine Tugend, die Intelligenz, Einfallsreichtum  geschmeidige Moralvorstellungen, sinnvoller Gewalteinsatz und vor allem Witz erfordert. Aber das nur nebenbei …

Obwohl,  wenn man möchte, kann man auch die Questen und Aventiuren der fahrenden Ritter in den einschlägigen mittelalterlichen Epen vom Nibelungenlied bis zu Eric und Iwein als Roadmovies begreifen, deren Erledigung (als literarische Form und als intellektuelles Gebäude) allerspätestens durch ihre Komisierung in Miguel de Cervantes „Don Quijote“ ebenfalls zur Welt-Literatur wurde. Und wenn der Roadrunner („meep, meep“) nicht fast zehn Jahre älter wäre als Kerouacs „On the road“, könnte man auch da einen netten Zusammenhang konstruieren. Oder eine umgekehrte Traditionslinie ziehen. Der Mythos des „unterwegs“, der langen, unendlichen Straßen und der leeren Räume, der sich in Baudrillards „Amérique“ 1984 in pointillistische Reflexionssplitter auflöst oder im gleichen Jahr von James Graham Ballard in „Hello, America!“ festgefroren wird, ist so gesehen ein ur-amerikanisches Thema. Weder die Kriegszüge Alexanders bis nach Indien noch Xenophons Anabasis noch die Odyssee, die Aeneis oder Hannibals Alpenüberquerung und andere zu Text geronnene imperialistische Ausflüge in unbekannte Terrains haben die mythische Kraft des „on the road“-Seins (dafür natürlich ganz andere Kraft-Felder), vielleicht auch deswegen, weil es, wenn überhaupt, nur sehr rudimentäre Straßen im Wortsinn gab.

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