Liebe Leserinnen und Leser,

mal ehrlich, wie oft wollten Sie schon weg, hatten einfach die Schnauze voll? Haben gedacht: Die können mich alle mal, sollen sie doch schauen, wie sie ohne mich zurechtkommen? Ich fahre in den Süden, ich fliege über den großen Teich, irgendwohin, wo mich keiner findet. Überall ist es besser als hier. Ich fange neu an. Und sind geblieben. Haben vielleicht mal die Wohnung gewechselt, den Mann, die Frau, den Beruf, den Fernseher.

Die Dezemberausgabe der Polar Gazette handelt von der Straße. Von der Möglichkeit zur Flucht schlechthin. Handelt von jenen, die aus Wut, Enttäuschung, Abenteuerlust oder Angst das Weite suchen und nicht mehr zurückfinden. Manche werden kriminell. Manche versuchen, zwischen Kriminellen zu überleben. Manche dämmern vor sich hin, um nicht feststellen zu müssen, dass sie nicht vergessen können, leiden wollen. Trotz der siebenhundert Kilometer, die sie dazwischengelegt haben. Feels like I'm stranded, singt Van Morrison. Kein Dach über dem Kopf. Egal. Von der Hand in den Mund leben. Egal. Das Risiko groß, verhaftet zu werden. Egal. Schließlich hat die Bank zu Hause alle Versprechungen in Forderungen umgewandelt. Liegt die Liebe irgendwo, wo sie nicht schlafen sollte. I'm stranded between the devil and the deep blue sea, singt Van Morrison.

In seiner Kolumne „Das Ziel ist das Verderben“ folgt Thomas Wörtche dem Freiheitsversprechen schlechthin: live fast, die young. Das Nibelungenlied neben Kerouacs Mythos von „On the road“. Letztlich heißt es nur, wer tötet und wer getötet wird, das hängt von der Straße ab. Auch Carsten Germis weiß in „Am Anfang war der Ort“, dass vor allem der Schauplatz des Geschehens die Atmosphäre schafft, die Charaktere formt. Während Jörg Walendy in seinem Essay „Im Tunnel“ der Roadmap, den politischen Hintergründen eines Robert Littell nachspürt. „Nowhere is a better place to be“ heißt es zum Schluss. Die Straße ist zum aussterbenden Mythos angesichts zukünftiger Generalüberwachung verkommen.  In der Dezemberstory der Polar Gazette erzählt Bernhard Aichner von „Dürers Hase“. Der Suche nach dem großen Geld, das sich offensichtlich in Nürnberg mit Huren verdienen lässt.

Sich auf die Straße zu trauen, ist für das Genre ein Wagnis. Zu oft bleibt das Ende offen oder das Happy End konstruiert. Die Aborigines glauben an Tjukurrpa, an Traumpfade, an Songlines. An eine unsichtbare, mythische Landkarte, die Australien durchzieht. Wer unseren geteerten oder festgestampften Straßen folgt, spürt eher die mit Wucht in die Landschaft gestemmte Lust, weg zu wollen. Wir fahren los und kommen nicht wieder.

Viel Spaß beim Lesen
Ihre
Polar Gazette