Liebe Leserinnen und Leser,

wir sind so stolz darauf, dass wir unterschiedlich sind. Belgier und Deutsche, Russen und Polen, Amerikaner und der Rest der Welt. Wir glauben zu wissen, wie die jenseits unserer Grenzen leben und denken. Weltweit gibt es eine kriminelle Carta der Selbstverständlichkeit: Mittelamerika Drogen, Asien Kinderprostitution, Italien Wirtschaftskriminalität, Syrien, Libyen, Irak alles religiöse Fanatiker. Morden sie alle gleich, fragen wir uns in der neuen Ausgabe der Polar Gazette, oder jede Nation auf ihre ganz eigene Art? Gibt es den einen speziellen Giftmord nur in Andalusien oder der Schweiz? Tropft allein aus dem Schwedenkrimi der Alkohol heraus oder der Beipackzettel gegen Depressionen? Das Schreiben im Landesverbund soll ein Markenzeichen sein. Sich abgrenzen, kenntlich machen, dient als Schaufensterauslage und Exportschlager.

Thomas Wörtche erinnert sich in seiner Kolumne „Warte, warte nur ein Weilchen … Wer metzelt wo wie und warum? Ein paar Fragen zum ethnischen Töten“ an den Fettabsaugerüssel eines Carl Hiaasens. Ist das national? Zwei Geheimbünden ist Sonja Hartl in „Topographie der Macht“ auf der Spur. In Neapel und New York. Mittels Camorra bei Francesco de Filippo oder einer geheimen Organisation von Architekten bei Pablo de Santis. Jörg Walendy fragt sich „Morden Israelis anders?“ und kommt bei Batya Gur zum Schluss: Kein Stück. Was verbindet Südostasien und Schottland außer ein paar Stunden Flug?, fragt sich Michaela Hövermann in „Schräg, skurril und schrullig: Auszeit in Südostasien.“ Hier Dr. Siri in Laos, dort Logan McRae in Aberdeen. Die Story im November stammt von Thomas Nommensen. „Der Unberührbare“, in der es nicht nur um hohes Fieber und einen sich verändernden Körper geht.

Wenn es um die Schriftsteller eines Landes geht, versammeln sie sich gerne unter einem Etikett. Wie steht es also um die kriminelle Nationalliteratur? Entzieht sie sich fröhlich den Kategorien, denen sich die hohe Literatur so gerne zum Faustpfand macht? Sind die Motive so unterschiedlich, die Mordwaffen, die Gesetze sicher? Ost gegen West, Süd gegen Nord. Aus dem jeweiligen Blickwinkel mag es so scheinen, als gebe es Unterschiede. Die Gringos sind in Südamerika nicht nur verhasst. Selbst die Bedingungen in den Favelas, in den Cape Flats sind unterschiedlich. Es kommt auf die Menschen an, deren Geschichten erzählt werden. Es gibt also weniger eine kriminelle Nationalliteratur als ein gemeinsames Universum von einleuchtenden Gründen, das Gesetz zu verletzen.

Viel Spaß beim Lesen
Ihre
Polar Gazette