Schräg, skurril und schrullig: Auszeit in Südostasien

von Michaela Hövermann

Es hat seinen Grund, wenn ein Autor aus dem Westen mitsamt seinen Figuren in den Osten geht: Der in London geborene Colin Cotterill lässt sein Ermittler-Team Ende der 1970er Jahre in Laos, dem einzigen Binnenstaat Südostasiens, eine Handvoll skurrile Morde aufklären. In dem dünn besiedelten kommunistischen Land wartet ein Leben jenseits von Hektik und Stress. Allerdings auch jenseits des technischen Fortschritts und zeitgemäßen Equipments. Die ausufernde Bürokratie, Korruption und die miserable wirtschaftliche Situation des Landes fordern dem kleinen Ensemble einiges an Improvisationsgeschick ab.

Mit Geist und Geistern: Dr. Siri ermittelt in Laos

Dr. Siri Paiboun, ein rüstiger Seventy-Something mit der Agilität einer wissbegierigen Wasserratte, ist unfreiwillig in das Amt des ersten Leichenbeschauers der Volksrepublik Laos bestellt worden. In der Pathologie stehen ihm zwei wichtige Helfer zur Seite: zum einen der unter dem Down-Syndrom leidende Leichenwäscher Herr Geung, zum anderen die stark übergewichtige und blitzgescheite Krankenschwester Dtui („Dickerchen“), die gern in der DDR studieren würde. Eigentlich heißt sie Chundee Chantavongheuan. Doch in Laos ist es Brauch, Babys hässliche Spitznamen zu geben, damit die Geister sie nicht fressen. Bizarrer und skurriler geht es kaum.

Wenn geschieht, was eigentlich innerhalb des kommunistischen Regimes der Demokratischen Volksrepublik Laos nicht geschehen darf, wird Dr. Siri gerufen: Der unkonventionelle Systemkritiker soll – möglichst diskret, versteht sich – ein paar brutale Morde aufklären. Steckt womöglich tierische Rache hinter den beiden entsetzlich zugerichteten Frauenleichen? Denn zeitgleich ist ein geschundener Bär aus dem Käfig eines Luxushotels verschwunden.  Das weckt Erinnerungen an Edgar Alan Poes „Doppelmord in der Rue Morgue“. Aber was hat es mit den beiden männlichen Toten auf dem Fahrrad und den mysteriösen Brandopfern auf sich?  Im Osten stirbt es sich eben anders: technikfern, auf Latrinen, auf dem Fahrrad, in der brütenden laotischen Sommerhitze.

Cotterill lässt geschickt Wissen über die laotische Kultur, Land und Leute einfließen.  Man merkt, er ist viel herumgekommen: Er war Sportlehrer in Israel, Grundschullehrer in Australien, Ratgeber für behinderte Schüler in den USA und Hochschuldozent in Japan. Irgendwann verschlug es ihn nach Laos, bevor er sich letztendlich in Thailand niederließ. Seine ursprüngliche Herkunft kann der britische Autor und Cartoonist, der 1952 in London geboren wurde, jedoch nicht verleugnen: Sie spiegelt sich in der Sprache, mitunter auch im Humor. Als „Dr. Siri sieht Gespenster“ im August 2005 unter dem Titel "Thirty-Three Teeth" im englischen Original erschien, lebte der Autor bereits in Thailand. Viele Schilderungen von den Gegebenheiten in der Zeit des Kommunismus fußen auf Interviews mit Zeitzeugen und laotischen Studenten.

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