Topographie der Macht

von Sonja Hartl

Zwei Italiener, zwei Geheimbünde: Gennarino Sorrentino lebt in Neapel und schlägt sich durchs Lebe, Silvio Balestri ist nach New York ausgewandert und träumt davon, einen zweiten Turm zu Babel zu bauen. In Sorrentinos Leben tritt die Camorra, in Balestris eine geheime Organisation von Architekten. Diese mächtigen Bündnisse vereiteln die Zukunftspläne dieser jungen Italiener und üben einen nahezu grenzenlosen Einfluss auf ihre Leben aus. Ein Entrinnen scheint für beide kaum in Sicht, vielmehr sind sie gefangen in den Strukturen ihrer Städte und den Feldern der Macht.

Gesetz der Familie

Gennarino Sorrentino – Hauptfigur und Erzähler in Francesco de Filippos „Gezeichnet“ – lebt mit seiner Frau Pamela und seinen Kindern in einem Viertel in Neapel, in dem eigene Gesetze herrschen. Er hat eine Vespa und ist immer auf dem Sprung. Jeden Tag fährt er bei Paolini Schamlos vorbei, vordergründig um ihn nach Aufträgen zu fragen, tatsächlich aber um ihm Respekt zu beweisen – immerhin ist Paolini einer der wichtigsten Vertrauten von Don Pedro, der in Neapel und weit darüber hinaus das Sagen hat. Normalerweise bekommt Gennarino Botendienste aufgetragen, aber eines Tages wird er zu Don Pedro zitiert. Fortan gerät er immer tiefer in das finstere Herz der Camorra, das fast alles verschlingt. Im Grunde genommen macht er nur, was ihm aufgetragen wird, er überbringt Nachrichten, zettelt Aufstände an, hilft bei einem Drogenschmuggel, aber die Gewalt ist allgegenwärtig und beginnt ihn zu verändern. Bald nimmt er ein ihm dargebotenes junges Mädchen, glaubt sich in eine Prostituierte zu verlieben, schluckt Drogen, schlägt, missbraucht und misshandelt. Gennarinos Leben hat einen unerbitterlichen Takt angenommen, die Schlagzahl wird von Don Pedro vorgegeben.

Diese Unentrinnbarkeit des Verbrechens spiegelt sich in der Erzählsituation wider: „Gezeichnet“ ist ein beständiges Selbstgespräch, das Gennarinos fiebrigen Absturz spürbar werden lässt und zugleich Innenansichten der Camorra liefert. Dabei wird sehr deutlich, dass das Wichtigste in Gennarinos Leben seine Familie ist – als seine Frau und seine Kinder ihn verlassen, wird ihm erst bewusst, wer er geworden ist. Daraufhin flieht er nach Finnland. Hier im Norden findet er Schnee, Kälte und Ruhe. Die Stille fasziniert ihn und verschafft ihm eine Atempause, sie lockert die Bande. Aber er weiß, dass er nur an einer langen Leine läuft und festgebunden ist an Neapel, sein Viertel und die Camorra. Sie ist eine Selbstverständlichkeit in dem Leben aller Bewohner des Viertels, das Leben ist bestimmt durch die Nähe zu ihr. Dabei appelliert die Organisation ebenfalls an den Familiensinn: Don Pedro ist das väterliche Oberhaupt, er gibt vor, sich um Gennarino zu sorgen und betont traditionelle Werte. Jedoch zeigt Paolino, dass es letztlich nur um Macht geht. Zwischen diesen beiden Männern und Glauben wird Gennarino fast zerrieben – seine Familie verlässt man aber nicht.

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