Morden Israelis anders?

von Jörg Walendy

Allein schon die Frage lässt schlucken und wirkt irgendwie unbequem. Tod im heiligen Land. Das war ursprünglich ein biblischer Topos, der aber längst anderen Bildern gewichen ist. Selbstmordanschläge in überfüllten Bussen und gegen Diskotheken in Tel Aviv oder Haifa. Nicht enden wollende Luftschläge gegen Ziele in Gaza und jeden Freitag Steine, Tränengas und Schläge auf dem Tempelberg. Für ein kurzes Essay scheint es angemessener, die Ereignisse nur objektiv aufzuzählen und sich nicht auf eine Diskussion um Ursache und Wirkung einzulassen. Jeder kennt hier seine eigene Wahrheit und von Deutschland aus kann es leicht wohlfeil wirken, die Ereignisse aus der Sicht der einen oder der anderen Seite zu kommentieren. Wer außer den Betroffenen weiß schon wirklich, wie es sich anfühlt, in Khan Younis oder in Aschkelon Schutz vor Raketen und Granaten suchen zu müssen?

Und dennoch: die Bilder und die damit verbundenen Gefühle von Mitgefühl, Angst, Schuld und manchmal Hass sind da. Sie sind abrufbar in unseren Köpfen und provozieren pro- und anti-israelische Demonstrationen in bundesdeutschen Fußgängerzonen und „Unter den Linden“. Und das, obwohl manche der Grausamkeiten sehr zum Glück schon seit längerer Zeit nicht mehr geschehen sind, wie zum Beispiel Anschläge mitten in Großstädten. Wir würden eine solche Meldung gleichwohl fast unbesehen glauben.

Batya Gurs Romane sprechen da eine ganz andere Sprache. Sie lässt ihren Ermittler, den großbürgerlich-gebildeten und melancholisch auftretenden Kommissar Michael Oyahon, in anderen Welten ermitteln. Er betritt in sich ruhende und sozial scheinbar homogene Zirkel, wie den der alteuropäisch daherkommenden Literaturwissenschaftler, den der Schriftgelehrten mit noch bestehenden emotionalen Beziehungen zu ihren im Holocaust sinnlos und menschenverachtend vernichteten Wurzeln im Zentrum Europas, und den der sanft argumentierenden Psychoanalytiker, die sich mit dem ganz normalen Wahnsinn des Alltags auseinandersetzen. Palästina ist da weit weg. Weiter entfernt noch als in unserer eigenen Wahrnehmung. In ihrem Thriller „Am Anfang war das Wort“ gibt es nur einen versteckten Hinweis auf die Existenz eines eigenen, universitären Sicherheitsdienstes – schließlich lebt und arbeitet man in Jerusalem – und einen schnell verblassenden Anfangsverdacht mit Blick auf einen „Attentäter“, woher auch immer dieser kommen mag, denn das Wort „Palästina“ fällt zu keinem Zeitpunkt. Nein – ähnlich wie bei Matt Rees' palästinensischem Ermittler Omar Yussef ist sich hier das eigene kulturell-religiöse Milieu selbst Bedrohung genug.

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