Warte, warte nur ein Weilchen …

Wer metzelt wo wie und warum? Ein paar Fragen zum ethnischen Töten

von Thomas Wörtche

Keine Ahnung, warum mich Sortierungen von Texten nach nicht-literarischen Kriterien immer ein bisschen an Josef Nadlers „Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften“ (1912-1928) erinnern. „Der skandinavische Krimi“, „Der lateinamerikanische Krimi“, „Der deutsche Krimi“ und so weiter und so fort. Und dann kommen vermeintlich landestypische Standardsprüche, vermischt mit ein bisschen protorassistischem  Mentalitätsobskurantismus (Deutsche haben keinen Humor, Skandinavier sind melancholisch, Lateinamerikaner korrupt, Neger schnackseln gern), die natürlich hinten und vorne nicht aufgehen und über einzelne Texte nicht das Geringste aussagen. Kurze Sätze, lange Sätze, Monoperspektive, Polyphonie, lineares Erzählen, Motivation von hinten, Intertextualität, Dialogizität, so ziemlich alle Werkzeuge der Textbeschreibung können mit der geografischen Herkunft eines Textes nichts anfangen – Austrizismen, Helvetismen, die verschiedenen Englischs, Spanischs und Französischs haben keine Semantik per se, sondern nur wenn sie gehäuft und bewusst eingesetzt werden, was aber im Regelfall nicht ausreicht, um den Bauplan (oder: den Bedeutungsaufbau) eines Textes irgendwie nationalpsychologisch oder geostrategisch zu definieren.

Brrrr, too much Beschreibung bis hierher, aber anstatt gefühliges Mag-ich/mag-ich-nicht-Geplapper oder anstatt empfehlungsmarketinghaftes Verschlagworten mit Null-Semantik wie „Ein typischer Schwedenkrimi“, versuch ich mal, wenn schon keine Antworten, so doch ein paar richtige Fragen zu finden.

Zum Beispiel nach den Kontexten – und kein Text existiert und funktioniert und kann verstanden werden ohne Kontexte –, und zu denen gehören im Kriminalroman sicher die Arten, wie Mitmenschen zu Tode gebracht werden. Aber auch da muss man schauen, wo und wie man sortiert. Frauen werden gerne mit Giftmorden assoziiert. Das spricht einerseits für die sprichwörtliche Tücke des Weibs, bringt sie aber andererseits auch blitzschnell unter die Anklage des vorsätzlichen, heimtückischen, geplanten, also nicht affektgesteuerten Mordes. Aber morden englische Frauen mit anderen Giften als brasilianische Frauen? Benutzen die „unteren“ Schichten andere Gifte als die „oberen“? Rattengift versus ausgeklügelten Laborcocktails mit exotischen Schlangengiftbeimischungen? Lesen Sie mal bei Patrícia Melo in „Wer lügt, gewinnt“ nach, ob man daraus typisch brasilianisches Morden herleiten kann …

Männlein und Weiblein töten, darf man vermuten, sowohl in der Realität als auch in den verschiedenen Narrativen, mit Dingen, die gerade zur Hand sind. Oder die berufsgruppenspezifisch sind:

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