Zerreißproben für die Liebe

von Michaela Hövermann

Work-Life-Balance

Die Balance zwischen Arbeitsleben und Privatleben zu finden, ist nicht einfach. Für Mitarbeiter der Mordkommission und Privatdetektive, die im Laufe ihrer Karriere immer wieder mit den widerwärtigsten Gräueltaten konfrontiert werden, zu denen Menschen im Stande sind, ist es eine spezielle Herausforderung, überhaupt so etwas wie Normalität zu leben. Geregelte Arbeitszeiten gibt es nicht. Die unablässige Präsenz von Gewalt, Mord und Verstümmelungen wird zur Gewohnheit; die Empfindsamkeit bei der Konfrontation mit Blut, Leid und Sterben sinkt. Das Erlebte ist nichts, was sich nach Feierabend vergessen oder auch nur verdrängen lässt. Für die meisten Ermittlerinnen und Ermittler im Krimi ist der Beruf Berufung und nicht nur fachlich, sondern auch ethisch eine nie endende Herausforderung. Moralisch standhalten, sich nicht korrumpieren lassen, ein empfindsamer und empathischer Mensch bleiben. Ist das angesichts dessen überhaupt möglich? Oft genug bleibt im Privatleben das Wertvollste, was zwei Menschen verbinden kann, auf der Strecke: die Liebe.

Zu Hause warten die Partnerin oder der Partner, wünschen sich Nähe, Zärtlichkeit und Teilnahme am ganz normalen Alltagsleben, mit den kleinen und den großen Nöten. Mit dem Bild verstümmelter und geschändeter Frauen oder missbrauchter Kinder vor Augen erscheinen geäußerte Ansprüche lächerlich egoistisch und der eigentlich verständliche Wunsch nach Aufmerksamkeit wird zum infantilen Gequengel.

Liebe in Gefahr

In Mo Hayders Debütroman „Der Vogelmann" ist der aktuelle Fall von Detective Inspector Jack Caffery an Perversion kaum zu überbieten: Die Polizei macht Jagd auf einen nekrophil veranlagten Frauenmörder, der seinen Opfern kleine Vögel in die Brust implantiert, um sich der Illusion eines schlagenden Herzens zu weiden, während er sie vergewaltigt.  Doch daran zerbricht Cafferys Beziehung zu seiner Freundin Veronica nicht.

Sechs Monate gelebter Alltag haben ihm unzählige Male vor Augen geführt, dass er sie nicht liebt. Im Grunde erträgt er sie kaum in seiner Nähe. Sie ist attraktiv und sexy, was fürs Auge und fürs Bett. Das allerdings ist auch schon alles. Für die oberflächliche, materialistische Veronica besteht das Leben aus Designerklamotten, Luxus und Partys. Als sie erneut an Krebs erkrankt – oft ein Moment, der das Leben und alles bisher Geglaubte in Frage stellen lässt -, wird die Gesellschaft anderer für sie zum Publikum und das Leben zur Bühne. Verbal und non-verbal inszeniert und zelebriert Veronica ihr Leiden, spielt die Tapfere, immer bemüht um Aufmerksamkeit und ein Dasein im Mittelpunkt. Er durchschaut ihr Spiel. Erst bringt Caffrey es nicht über sich, sie zu verlassen. Gegen seine quälenden Selbstvorwürfe und inneren Schuldgefühle fühlt er sich machtlos. Beziehungen, so sie denn zustande kamen, waren stets von kurzer Dauer. Phasen der Zweisamkeit folgte nach dem Bruch die peinigende Sorge, ob er nicht selbst alles an aufkeimenden Gefühlen zerstört. Wie viele Ermittler scheint Jack Caffrey zu einem Dasein als ewiger Single verdammt.

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