Geliebtenmörder, japanisch

von Carsten Germis

Die Liebe und der Mord. Passt das überhaupt zusammen? Kann morden, wer liebt? Man kann. Nicht nur die Literatur ist voll der liebenden Mörder und Totschläger. Auch im richtigen Leben liegen Mord, Totschlag und die Liebe dicht beieinander. Anfang des letzten Jahrhunderts, als sich die Kriminalpsychologie aufmachte, Verbrecher als Persönlichkeit zu fassen, starteten die beiden Privatdozenten Albrecht Wetzel und Karl Wilmanns ihre Schriftenreihe „Verbrechertypen“. 1913 erschien nicht ohne Grund als erstes Heft der neuen Reihe ein Band über „Geliebtenmörder“.

Was macht für Kriminalpsychologen den Liebesmord aus? Wetzel und Wilmanns erklären, es sei „nicht allein das lediglich äußerliche Kennzeichen des zwischen den beiden Beteiligten bestehenden Liebesverhältnisses maßgebend; es wurde auch eine innere Beziehung zwischen Liebesverhältnis und Delikt verlangt; das erotische Moment musste irgendwie als Motiv der Tat beteiligt sein.“ Es hat mit Liebe also nichts zu tun, wenn Mord und Totschlag nur passieren, weil sich der Mann Unterhaltspflichten für zu erwartende Kinder oder dem Wunsch zur Heirat entziehen will. Gemeinheit und Habsucht, die sich dahinter verbergen, hätten vielleicht auch sonst zum Totschlag geführt. „Ein innerer psychologischer Zusammenhang zwischen Tat und Liebesverhältnis besteht hier also nicht“, meinen Wetzel und Wilmanns.

Zwei Paradebeispiele für „Geliebtenmörder“ sind die Täter in den beiden Kriminalromanen „Verdächtige Geliebte“ und „Heilige Mörderin“ des japanischen Bestsellerautors Keigo Higashino. Higashino, Lieblings-Krimiautor des Vizechefs der Mordkommission bei der Tokyo Metropolitan Police, schreibt klassische Rätselkrimis. Doch er dreht die Krimirollen um.  Die Leser wissen von Anfang an, wer der Mörder ist. Sie zittern mit dem Täter, ob die perfekt inszenierten Morde als unaufgeklärt zu den Akten gelegt werden müssen. Held der Geschichten Higashinos ist ein Superhirn, der Physikprofessor Manabu Yukawa, mit Spitznamen auch schlicht Detektiv Galileo genannt. Mit seinem scharfen Verstand ist er der wahre Gegenspieler der Täter – ohne ihn würde die Tokioter Polizei die auf den ersten Blick unlösbaren Fälle nie aufklären können.

Im ersten Band, auf Deutsch „Verdächtige Geliebte“, trifft Yukawa zufällig wieder auf einen alten Studienfreund, den genialen Mathematiklehrer Ishigami. Der Lehrer, des Lebens überdrüssig, hatte sich schon die Schlinge um den Hals gelegt, als es an seiner Tür läutete. Zwei Frauen standen vor der Tür, Yasuko Hanaoka und ihre Tochter Misato, die sich als neue Nachbarn vorstellen wollten.  Das war der Moment, in dem der menschenscheue Lehrer sich verliebte. „Er hatte nicht die geringste Hoffnung, je eine Rolle in ihrem Leben zu spielen. Nie durfte er die Hand nach ihnen ausstrecken. Es war das Gleiche wie mit der Mathematik. Er war glücklich, mit so etwas Erhabenem zu tun zu haben.“ So unerfüllt diese Liebe auch ist, so stark ist das Begehren.

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