Die weiche Stelle

von Sebastian Kern

Festhalten, liebe Leser, dieses Eingangszitat hat's in sich: "Die 'hartgesottene' Rhetorik des Privatdetektivromans ist ein kompensatorisches Selbstbestätigungsritual für unterschiedliche Maskulinitäts­krisen." Schrieb Gabriele Dietze 1997 in ihrem Buch Hardboiled Woman. Geschlechterkrieg im amerikanischen Kriminalroman.

Okay, da hat sich jemand an Mickey Spillane verschluckt und die melancholische Ironie eines Raymond Chandler nicht kapiert.

Wie aber steht es wirklich mit "a thing called love", der Sache mit dem anderen Geschlecht, in Krimis und Thrillern? Lassen wir mal die Whodunit-Fraktion beiseite – sorry, Frau Dietze – und, ja, lassen wir auch mal die wunderbaren Krimis von Frauen, die im übrigen auch nicht zimperlich sind, außen vor. Also keine Patricia Highsmith, Fred Vargas, Sara Paretsky, Thea Dorn & Co. Der Autor dieser Zeilen ist ein Mann. Und als solcher blickt er in die Welt.

Von der honey-trap zur Entschlüsselung des Ich

"Liebesbriefe? Der? Kann ich mir nicht vorstellen."

Nicht unbedingt ein zu erwartender Dialogfetzen auf Seite vier in einem Thriller. Aber ein entscheidender Hinweis des Autors an seine Leser. Die Hauptperson, ein junger Graduierter, ist als gesundheitliches Wrack in sein altes College an der Universität Cambridge zurückgekommen – per Limousine! Und das im vierten Kriegsjahr, in dem mittlerweile das Klopapier rationiert war. Logisch, dass sich der Pförtner, die Zimmerfrau und der Hilfskoch des besagten College das Maul zerreissen über diesen geheimnisvollen Rückkehrer. Seine Arbeit bleibt mysteriös und er hat Papiere in seinem Kamin verbrannt. Was steckte dahinter? Ein geheimer Regierungsauftrag? Der Geheimdienst? Hatte er etwa etwas mit dem Königshaus zu tun? Er hatte einen Nervenzusammenbruch gehabt, so viel galt als sicher. Etwa aus Liebeskummer?

Robert Harris führt seine Leser nicht in die Irre. Enigma, der zweite große Erfolg von Robert Harris nach Vaterland, ist vielerlei: ein Thriller, ein historischer Roman, ein Spionageroman – und ein Liebesroman. Oder eigentlich ein subtiler Roman über die Liebe, ihren Zauber, ihre Schönheit. Über die Kraft, die sie freisetzt. Aber auch über das Ausmaß an Verblendung und Täuschung, das in ihr steckt, sowie über die Möglichkeiten, die Liebe zu missbrauchen und zu instrumentalisieren. Enigma ist deshalb auch ein Entwicklungsroman über einen Einzelgänger, der beinahe an der Liebe zerbricht und schließlich an ihr wächst. Ohne die Liebe würde der Roman nicht funktionieren.

"'Über Sie hat sie nie gesprochen', hatte Hester gesagt.
'Ich fühle mich geschmeichelt.'
'Das sollten Sie auch – in Anbetracht der Art, wie sie über die anderen gesprochen hat….'"

 

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