Frühlings Erwachen, arabisch

von Jörg Walendy

 

Tarik liebt Wahiba. Er verdrängt bei den Gedanken an ihre dunklen Locken, ihr Lachen und ihre scheinbar grenzenlose Energie seine Schmerzen und die Erinnerungen an seinen vernarbten Rücken und verliert sich für einen Moment in einer viel sinnlicheren Welt als im Algier des Jahres 2010.

Ein Motiv aus dem „Tag der Unabhängigkeit“. Scheinbar in nachvollziehbarer Weise geschildert. Ein Leser hat mir geschrieben, dass auch er sich auf Anhieb in die Figur der Wahiba verliebt habe. Solche Gefühle sind in tausenden Geschichten das Motiv, welches die Handlung vorantreibt. Liebe schafft in Erzählungen Verbündete und Helfer in scheinbar ausweglosen Situationen. Wer sollte das nicht gutheißen, wenn die Gefühle zwei zuvor verfeindete Seiten zusammenbringen?

Wer? Nun ja, der Plot. Denn wenn die Liebe als deus ex machina in Erscheinung tritt, dann kann ihr Einsatz billig wirken. Warum sollte ich über Seiten einen Konflikt mit unversöhnlichen Gegnern konstruieren, um dann binnen weniger Zeilen alle Zerwürfnisse unter Verweis auf die Liebe einzuebnen?

Tariks Liebe muss also zwangsläufig unvollendet bleiben. Er begehrt Wahiba, träumt vielleicht von ihr, aber es bleibt ein Gedankenspiel. Und als ein kleines Puzzleteil in einem Politthriller bleibt es im Rahmen realistischer Annahmen. Was hätte Liebe denn hier auch bewirken können? Am Vorabend des arabischen Frühlings? Tarik arbeitet für den Geheimdienst des Militärs in einer verschlossenen und hochgradig undurchsichtigen Welt. Er selbst ist traumatisiert, gewalterprobt und setzt im Zweifel seinen Körper als Waffe ein. Wahiba hingegen ist getrieben von ihrem in Berlin anerzogenen Idealismus und dem Kampf innerhalb der eigenen Familie um Selbstbestimmung und Identität. In so einem Szenario gibt es keinen Platz für einen Seitenwechsel aus Liebe. Die Sanktionen, die drohen – und im Fall von Tarik auch verhängt werden –, sind unerbittlich. Schon außerhalb aller Intimitäten versucht Tarik Wahiba ständig vor den Blicken der anderen zu schützen. Sei es in der Kaserne, bei sich zu Hause oder in einem Zimmer draußen am Flughafen. Aus so viel Heimlichkeit kann nichts Dauerhaftes entstehen. Eine gemeinsame Nacht, versteckt vor den allgegenwärtigen Verwandten und Nachbarn. Mehr wäre nicht drin gewesen.

Die Realität ist also brutaler. Direkter. Und tatsächlich: wenn es einen Begriff gibt, der der Liebe nahesteht – ohne mit ihr identisch zu sein – und der im gesellschaftlichen Diskurs Nordafrikas eine erkennbar direktere Rolle spielt, dann ist es der Sex. Die sinnliche, aber auch die rein hormonell geprägte Begierde. Shereen El Fekhi skizziert in „Sex und die Zitadelle“ das langsame, aber gewaltige Erwachen der arabischen Gesellschaften in diesem Sinne. Das private Liebesleben hat für sie etwas zutiefst Demokratisches, da es die bestehenden Strukturen ignoriert und sich auch außerhalb von fest gefügten Familienverbänden, kulturellen oder religiösen Traditionen manifestiert. Politische und sexuelle Freiheit sind für die „Bettgenossen“. Und auch bei Houellebecq findet sich ein Hinweis auf die gewaltige politische Dimension einer freien Sexualität in der arabischen Welt. In „Die Möglichkeit einer Insel“ skizziert er in einer Handvoll kurzer Sätze und in gewohnt provokativer Art eine Zukunftsvision, in der eine Art sexuelle Revolution alle geltenden Bezugssysteme in Nordafrika über den Haufen wirft. Frühlings Erwachen, arabisch?

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