Das Leid der Liebenden

von Sonja Hartl

Bonnie und Clyde sind das wohl berühmteste Gaunerliebespaar der Geschichte. Bevor sie 1934 im Kugelhagel starben, verfolgten die Menschen die Zeitungsberichte über ihre zweijährige blutige Flucht mit Sensationsgier und Anteilnahme. Es entstanden romantisierte Versionen ihrer Geschichte, und das liebende Verbrecherpaar wurde zum Mythos, der vor allem aus Aussichtslosigkeit der Liebe, der Bedingungslosigkeit des Zusammenhalts und der Faszination für das Verbotene besteht. Jedoch zeigt ein Blick auf zwei Bücher von Cornell Woolrich und Jim Thompson, dass die Verbindung aus Verbrechen und Liebe nicht zweifellos romantisch sein muss.

Bedingungslose Liebe

„Es ist, was es ist, sagt die Liebe“, ist nicht nur die dank einer ZDF-Sendung und eines Songs von MIA populäre Zeile eines Gedichts von Erich Fried, sondern könnte auch das Motto des Noir-Klassikers „Der dunkle Pfad“ von Cornell Woolrich sein. Auf den ersten Blick verliebt sich Ich-Erzähler Scotty in die schöne Eve, dabei ist sie die Frau des Gangsterbosses Roman, für den er als Fahrer arbeitet. Anfangs schwärmt er heimlich, dann jedoch bricht es aus ihm heraus: „Ich liebe Sie. Ich liebe Sie jetzt seit drei Wochen und zwei Tagen. Ich liebe Sie, seit ich Sie das erste Mal gefahren hab. Nur habe ich es erst jetzt bemerkt.“ Er bietet ihr darauf an, zu kündigen, aber Eve möchte nicht, dass er ihr das antut. „Danach sprachen wir nie wieder darüber. Darüber, daß wir uns liebten. Es war auch nicht nötig. Wir liebten uns einfach.“ Es ist, was es ist.

Diese wortlose Liebe sorgt dafür, dass sie Roman entfliehen und in Kuba landen. Doch von Anfang an ist ihr Glück zum Scheitern verurteilt: Kurz nach ihrer Ankunft in Kuba wird Eve erstochen und Scotty als Täter verdächtigt. Von vornherein wussten sie, dass Roman Eve niemals gehen lassen würde, für ihn war sie ein Besitztum, das er nicht hergeben würde. Selbst nach ihrer gelungenen Flucht war sich zumindest Scotty bewusst, dass entweder seine Rache oder die unweigerlich kommenden ökonomischen Zwänge ihre Liebe zerstören wurden. Ihre Beziehung war von Beginn an aussichtslos – aber sie liebten einander nun einmal.

In „Der dunkle Pfad“ verkörpert Eve die naive Schöne, die sich auf den falschen Mann eingelassen hat und nun gerettet werden muss. Scotty ist ihr Retter, im Gegensatz zu ihrem Mann ist er bescheiden und vor allem aufrecht. Selbst in größter Not hat er eine prall gefüllte Brieftasche zurückgegeben, und nachdem er des Mordes an seiner Geliebten verdächtigt wird, glaubt er weiterhin an die Kraft der Wahrheit. Ehrlichkeit ist seine herausragende Eigenschaft, außerdem will er an die Aufrichtigkeit glauben. Die Schlechtigkeit der Welt und seiner Mitmenschen drohen indes diesen Glauben zu erschüttern. Dann trifft er in seiner aussichtslosen Situation auf die desillusionierte Kubanerin Midnight, die ebenfalls ihre große Liebe verloren hat. Dieser Verlust und ihr Hass auf die Polizei bewegen sie, Scott zu helfen. Denn einen kleinen Rest dieses Gefühls und ihre Erinnerung könnten sie vor dem Zynismus und der Gewissenlosigkeit retten, die die Welt um sie herum zu bestimmen scheinen.

     weiterlesen