Zwei Träumer

von Matthias Wittekindt

Der Spanier war in Orléans zugestiegen und Herr Ludwig bekam, wegen der Enge, Probleme mit seinen Beinen.
     Eine halbe Stunde hatte er geduldig gewartet, seine Beengtheit körperlich ein wenig zum Ausdruck gebracht und gehofft, der Spanier werde etwas unternehmen. Aber der unternahm nichts. Und das, obwohl Herr Ludwig meinte, zu erkennen, dass die Situation auch ihm unangenehm war. Schließlich entschied er, dass es besser wäre selbst den ersten Schritt zu tun und die Sache anzusprechen.
     „Entschuldigen Sie, dürfte ich Ihren Koffer ein Stück zur Seite stellen?“
     „Natürlich.“
     „Noch besser wäre es, wenn er auf die Gepäckablage käme.“
     „Selbstverständlich, aber … Wenn Sie mir dabei vielleicht helfen könnten? Mit meinen kaputten Knien schaffe ich das nicht mehr.“
     Der Spanier hatte tatsächlich etwas Schwierigkeiten aufzustehen, Herr Ludwig half ihm. „Also: Bei drei!“, kommandierte der Deutsche und es klappte tadellos. Sie waren in ihren Bewegungen aufeinander abgestimmt, als würden sie sich schon lange kennen.
     „So ist es doch besser.“
     „Natürlich. Ich heiße übrigens Martínez, Nerón Martínez.“ Der Spanier sah den Deutschen an, als hätte sein Name eine Bedeutung. Aber die hatte er offenbar nicht.
     „Ludwig. – Fahren Sie bis nach Madrid?“
     „Ich steige kurz hinter der Grenze um.“
     Der Spanier holte ein Taschentuch aus der Innenseite seines Jacketts und drückte es sich mit ziemlicher Kraft auf den Mund. Herr Ludwig kannte solche Momente. Wahrscheinlich litt der Spanier unter Sodbrennen.
     „Es ist heute …“, begann er, wartete dann aber höflich ab, bis der Spanier sein Taschentuch wieder eingesteckt hatte. „… ich kann mich nicht erinnern, wann es das letzte Mal so heiß war.“
     Herr Ludwig war 63, als er diese weite Fahrt mit dem Zug unternahm. 1964 war das, neunzehn Jahre nach dem Krieg, die Beatles hatten gerade A Hard Day’s Night rausgebracht.
     „Fahren Sie die Strecke öfter?“, fragte der Spanier. Er sprach fast akzentfrei Deutsch, ein Umstand, der Herrn Ludwig angenehm überraschte. Was nicht heißen soll, dass er davon ausgegangen wäre, Spanier könnten grundsätzlich kein Deutsch. Er kannte einige und die sprachen alle sehr gut. „Ja“, sagte er, „ich nehme diesen Zug eigentlich immer. Es dauert zwar drei Stunden länger, aber dafür spart man fast dreißig Mark. Nur, dass wir eben in jedem Dorf halten und …“
     Herr Ludwig beendete den Satz nicht, und was er über die dreißig Mark gesagt hatte, war gelogen. Es ging ihm nicht ums Geld. Herr Ludwig war ein geübter Lügner.
     „Arbeiten Sie in Deutschland? Sie sprechen ganz ausgezeichnet.“
     „Ich war 15 Jahre bei Blohm & Voss in Hamburg.“
     „Als …?“
     „Ingenieur.“
     „Und jetzt geht es zurück nach Spanien?“
     „Ich werde in zwei Wochen 51, meine Frau wollte, dass wir zurückgehen, ehe wir alt sind. Was machen Sie beruflich, wenn ich fragen darf?“
     „Ich arbeite auf dem Bauamt in Kassel.“
     Da das Bauamt von Kassel nicht so ergiebig war wie eine spanische Werft, lenkte Herr Ludwig das Gespräch auf Kolumbus, und die Beiden unterhielten sich noch eine Weile. Wobei Herr Ludwig ein bisschen mit seinem Lieblingsthema brillieren konnte: Dem Wunsch des Menschen, sich neue Räume zu erobern und die zu gestalten. Von diesem Thema her kam er dann doch noch aufs Bauamt. Schließlich kam die Unterhaltung spürbar ins Stocken.

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