Die Form der Liebe hat sich insofern verändert, als sich verändert hat, auf welche Weise sie weh tut. (Eva Illouz)                                     

 

Das Elend mit der Liebe

von Thomas Wörtche

Wenn “Liebe” kriminalliterarisch vorkommt, dann ist sie schon problematisch. Unproblematische Liebe gibt es in literarischer Form kaum. Auch der Minne-Sang hat die komplizierte und komplexe, für die Zeitgenossen durchaus problematische höfische Feudalgesellschaft als Hintergrund. Und eines der un-problematischsten, weil heitersten und anarchisch-fröhlichsten Bücher über Sex, die „Josefine Mutzenbacher“ von Bambi-Erfinder Felix Salten, hat mit Liebeskonzepten herzlich wenig zu tun (ist aber einer der großen und wichtigen Romane des 20. Jahrhunderts, auch wenn das jetzt nicht hierher gehört). „Könnte die Soziologin die Stimme der Menschen hören, die nach Liebe suchen, dann vernähme sie eine lange und laute Litanei des Jammerns und Stöhnen“, schreibt Eva Illouz in ihrem brillanten Buch „Warum Liebe wehtut“.

Und erst recht gilt das für Kriminalromane, denn „Liebe“ als Thema in Kriminalromanen, das wird vermutlich unschön enden – und ist schon deshalb zu unterscheiden von „Liebe“ als Kollateral-Surplus des Typs von Erzählung, bei der sich der Held (seltener die Heldin) im Laufe einer völlig anders gelagerten Kriminalhandlung in ein weibliches Wesen verliebt und die beiden sich am Ende kriegen. Wobei es auch bei letzterer Variante die Möglichkeit gibt, dass die Braut am Ende weggeschossen wird, damit der Typ alleine bleiben und sich im nächsten Buch/Film etc. in die nächste Frau verlieben kann. Wobei da, siehe James Bond-Filme, auch die Untervariante funktioniert, dass die Lady aus dem letzten Film, mit der zusammen Bond das final couple nach der üblichen Schlacht bildet, im nächsten Film einfach „tilt“ ist. Und nur in den komischen Varianten von Genre – „Zombieland“ etwa – gibt es neben dem final girl, das für seine Sittlich- und Enthaltsamkeit mit Überleben belohnt wird, das final couple. Aber das gehört auch nicht unbedingt hierher, obwohl wir durchaus gerade im Werkzeugkasten von formula fiction herumkramen.

Dennoch, die Liebe, die im Kriminalroman vermutlich böse endet, widerlegt vielleicht ein bisschen das Freud´sche Dogma, das Elend mit der Liebe sei schließlich homemade (und „alternativlos“ für den homo sapiens in unseren Zeiten und Breiten) und von uns selbst zu verantworten. Kriminalromane hingegen, wenn sie denn gute Kriminalromane sind, wissen immerhin, dass „die Umstände“ einen erheblichen Anteil an allem haben, was einem Individuum zustoßen kann.

„Liebe“ gehört zum sozialen Nahbereich von Menschen – die Beziehungstat ist im realen Leben sicher eine der häufigsten Mordvarianten – Eifersucht, Ehefrust, Habgier, Affekte, domestic violence -, der Täter sitzt, wie Polizisten angeblich zu sagen pflegen, noch auf der Leiche, wenn die Ermittlungen aufgenommen werden. Das gibt kriminalliterarisch gesehen nicht allzu viel her (grimmi-mäßig vielleicht eher …), Szenen einer Ehe oder Zimmerschlachten lassen sich in anderen Formen möglicherweise besser darstellen. Bei dem beliebten Columbo-Muster (und allen seinen Vorlagen und Nachziehern), bei dem pausenlos unpassende, störende oder überflüssig gewordene Gattinnen und Gatten um die Ecke gebracht werden, geht es, oft nur notdürftig psychologisch motiviert, hauptsächlich darum, wie raffiniert ein solcher Tod spuren- und verdachtsfrei zu vertuschen beziehungsweise partout nicht nachzuweisen sei. In den gemütlichen Peter-Falk-Zeiten konnte man damit seinen Spaß haben. Der Fluch der CSI- und Forensik-Welle macht töten und gar serialkillen im Ganzkörperkondom – und im Falle des Sexualmordes ohne DNA-relevantes Hinterlassen von Körperflüssigkeiten – zu einer doch recht ungustiösen und lustfeindlichen Angelegenheit, die wiederum ganz prächtig in den Zeitgeist passt: massenmorden, schlachten, opfern, kreuzigen, foltern, Kopf ab und Gedärm raus geht heute auch streng nach dem Keuschheitsgebot, ohne vorehelichen Sex und andere, abscheuliche Sünden. Wie gut, dass „wir“, der Westen und vor allem unsere Leit-Wertungstragenden Nationen solche symbolhaltigen Handlungen schwerpunktmäßig fiktionalisiert haben, während sich die testosterontriefenden Jungs vom IS (na ja und von manchen Diensten) noch (oder: schon) an der realen Umsetzung der einschlägigen Literatur ergötzen dürfen.

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