Unterwegs in Bombay – mit Kriminalistik aus Österreich

von Carsten Germis

Inspector Ganesh Ghote – ausgesprochen wird das englisch "hoe-tay" – ist ein kleiner Mann, mager, knochig. Ghote ist alles andere als ein kriminalistisches Genie. Im Gegenteil: Er macht Fehler, und er sieht Fehler demütig als festen Bestandteil des Lebens. Gegenüber seinen Vorgesetzten bei der Polizei in Bombay – dem heutigen Mumbai – ist er unterwürfig bis zur Servilität. Ghote mag keine Abenteuer. Er sieht die Arroganz und die Schwächen der Reichen und Mächtigen – und seiner eng mit diesen Eliten verbundenen statusorientierten Vorgesetzten. Eine typische Szene, die den indischen Kriminalisten Ghote treffend beschreibt, findet sich gleich am Anfang seines ersten Falls, "The perfect murder". Da greift einer seiner Vorgesetzten einen Zeugen massiv an.

"Inspekteur Ghote missbilligte das. Das war kaum der Takt, der von Doktor Gross empfohlen wird. Angriffe dieser Art führen eher zu ungünstigen Situationen, als sie zu aufzulösen"

Doktor Gross, dahinter verbergen sich der von Ghote verehrte k. u. k.-österreichische Kriminologe Hans Gross und sein Standardwerk über "kriminalistische Untersuchungen", das – wie der Leser erfährt – von einem John Adams ins Englische übersetzt worden ist. Gross, der in der k. u. k. Monarchie schon 1893 das Lehrfach Kriminalistik forderte, gilt als einer der Begründer dieser Disziplin. Ghote zitiert ihn oft im Geiste, wenn er wieder einmal nicht mit dem Vorgehen seiner Vorgesetzen einverstanden ist oder vor einem schier unlösbaren Problem steht. Was würde Gross jetzt machen?

Inspector Ghote aus Indien ist eine Schöpfung des britischen Kriminalschriftstellers Henry Reymond Fitzwalter Keating. Ein Polizist, der so skurril gezeichnet ist, geschrieben von einem britischen Autoren, nachdem England mit Indiens Unabhängigkeit gerade das Kronjuwel seines Weltreichs verloren hat: Muss das nicht ein Musterbeispiel neokolonialistischer Literatur werden? Thomas Wörtche, der einige der Ghote-Romane Keatings Anfang dieses Jahrtausends in seiner Reihe "metro" beim Unionsverlag neu herausgegeben hat, hat dem Briten genau diese Frage gestellt.

"Ja, ich habe mir immer darüber Sorgen gemacht, dass ich Indien ein Land, das ich sehr liebe und bewundere , ohne es zu wollen, herablassend oder gönnerhaft behandeln könnte", antwortete Keating.

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