Think Big

von  Wolfgang Franßen

Wo soll denn meine Geschichte spielen? Wo verorte ich sie? Für die meisten Autoren stellt sich die Frage nicht. Ihr Drang, ein Buch zu schreiben, ist so groß, dass sie beim Erstling womöglich erst im Nachhinein wissen, wieso sie es unbedingt an diesem Ort haben stattfinden lassen. Ihre innere Triebkraft, eine Geschichte zu Papier zu bringen, soll möglichst ungestört von äußerem Einfluss entstehen. Blickt jemand zu sehr hinter den eigenen Spiegel, versiegt womöglich die Kreativität, und es bedarf einer schier unüberwindbaren täglichen Anstrengung, den ersten Satz aufzuschreiben oder dem mühseligen Niederringen von Ängsten, eigentlich nichts zu sagen zu haben.

Was treibt Autoren dazu an, ihre Geschichten jenseits der Grenzen anzusiedeln? Nicht etwa einen Protagonisten kurz einen Ausflug ins Ausland unternehmen zu lassen, sondern sich bewusst ein Land auszusuchen, das unweigerlich zum Gegenstand einer Geschichte wird. Betrifft es die eigene Biografie, liegt die Antwort auf der Hand und jeder Psychologe wird schnellhin ein Urteil fällen, der Autor hat etwas zu bewältigen. Nicht selten eine Kindheit, die verarbeitet werden muss. Ein Mangel. Ein Verlust. Eine Sehnsucht. Unser Hang, Schriftstellerbiografien zu lesen, hängt damit zusammen, dass wir Autoren bis ins Letzte analysieren wollen und jeden Drink, den Chandler am und neben dem Schreibtisch getrunken hat, zuordnen wollen. Als könne die Lieblingsmarke verraten, warum ausgerechnet L.A. Eine Mär des Buchmarkts besteht doch darin, dass Autoren nur so und nur über ihre ureigensten Themen schreiben können. Oftmals steht am Anfang eines schriftstellerischen Projekts die Frage, nun habe ich darüber und darüber geschrieben und worüber schreibe ich nun? Was könnte mich interessieren? Fällt er darüber hinaus den Literaturwissenschaftlern in die Hände, werden nicht nur die Worte gezählt, die Themen ins Große und Kleine eingeordnet, vor allem muss Bedeutung oder Nichtbedeutung her, nicht selten die des Betrachters.

Was veranlasst einen Autor über Länder zu schreiben, von denen er keine Ahnung hat? Reine Neugier? Will er seine eigentlichen Themen nur auf ein anderes Feld verlagern, um sie zu variieren oder sie zu verfremden, um seinen Blick zu schärfen, oder versteckt er sich dahinter, weil er eigentlich immer nur dasselbe zu erzählen hat? Am Ende einer Schriftstellerlaufbahn lassen sich die Romane zumeist auf einen Nenner bringen, doch das hilft wenig bei der Betrachtung, warum dieses eine Thema zu jenem Zeitpunkt so wichtig war.

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