Schauplatz der Handlung ist das verkommene Kaliningrad an der Ostseeküste. Im Baltikum liegend, ist die Exklave durch Litauen und Lettland vom restlichen Russland abgetrennt. Über 1200 Kilometer und eine Zeitzone liegen zwischen Kaliningrad und Moskau. Historisch gesehen verbindet man mit Kaliningrad neben Bernstein – rund 90 % der weltweit abbaubaren Bernsteinvorkommen befinden sich dort – Sprotten, Cognac und Marzipan. Heutzutage ist es eine Region mit hoher Arbeitslosenquote. Und ein Paradies für Kriminelle.

Die Figur der Tatjana ist sehr bewusst an die couragierte russisch-amerikanische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Anna Politkowskaja (1958-2006) angelehnt. Als eine unter wenigen bezog die erklärte Gegnerin des Putin-Regimes selbstbewusst Position gegen den Kreml und scheute vor kontroverser Berichterstattung nicht zurück. Fokus ihrer Arbeit waren unter anderem der Krieg und die gravierenden Menschenrechtsverletzungen in der umkämpften Kaukasusrepublik Tschetschenien, aber auch Verbrechen in der russischen Armee und Korruption im russischen Verteidigungsministerium. Eine mutige Frau. Für diesen Mut bezahlte sie mit dem Leben. 

Am 7. Oktober 2006 – dem 54. Geburtstag des russischen Staatspräsidenten – wurde sie im Treppenhaus vor ihrer Wohnung durch mehrere Kopfschüsse getötet. Einen Tag später demonstrierten rund 500 Menschen in der russischen Hauptstadt. In ihren Händen Plakate, die aussprachen, was viele nur zu denken wagten: "Der Kreml hat die Meinungsfreiheit getötet" (sed, red, DER STANDARD, Printausgabe 9.10.2006.) 

Westliche Medien werteten die Ermordung Politkowskajas als bezeichnend für die diktatorische Herrschaft Putins.

Im achten Band seiner Serie um Arkadi Renko, den Sonderermittler der Moskauer Staatsanwaltschaft, widmet sich Martin Cruz Smith dem Untergang der Kursk im Jahr 2000, dem Tschetschenienkrieg und der organisierten Kriminalität. Bestechliche Polizisten und Staatsdiener sind eher Regel, und Russlands Mafiosi liefern sich einen Krieg um den wertvollen Bernstein, aber auch auf die Aufträge aus dem Verteidigungsministerium.

Damit wird der Roman zum Spiegel des Lebens im heutigen Russland: Korruption an jeder Ecke. Mord wird unter den Tisch gekehrt, und kritische Meinungsäußerungen – gerade von journalistischer Seite – sind unerwünscht.

Seit „Gorki Park“ (1981) kämpft Renko bei der Moskauer Polizei gegen Kreml und Kriminalität und setzt ein Zeichen durch seine Aufrichtigkeit. Die sowjetischen Apparatschiks unter Breschnew hat er ebenso erlebt wie die Machenschaften der russischen Mafia und Putins grausame Kriege in Tschetschenien.

Russland bietet Stoff. Viel Stoff. Es ist dieser reiche kulturelle Hintergrund gemischt mit den politischen Ereignissen, der dort angesiedelten Kriminalromanen Tiefe verleiht und westliche Lesende zur Auseinandersetzung zwingt.

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