Zwischen Sorge und Entsetzen

von Michaela Hövermann

"In einem normalen Land schreitet Geschichte voran, entwickelt sich. Aber in Russland kann sie in jeder Richtung verlaufen oder vollkommen verschwinden." (Martin Cruz Smith)

Besser kann man es kaum auf den Punkt bringen. In Russland ticken die Uhren anders. Doch was verleitet Krimi-Autoren westlicher Herkunft überhaupt dazu, ihren eigenen Kulturkreis zu verlassen und sich dieser so fremden Kultur zuzuwenden? Warum konzentrieren sich hochkarätige Schreiber wie etwa Martin Cruz Smith oder Tom Rob Smith nicht auf die Probleme vor der eigenen Haustür?

Christian Neef, Moskau-Korrespondent des „Spiegel“ erklärt angesichts der aktuellen politischen Lage am 7.8.2014 frustriert: „Es gibt jetzt offenbar nur noch Schubfächer für vermeintlich Gute oder vermeintlich Böse, hier Russland und da Amerika – und dazwischen noch ein bisschen Angela Merkel.“

Geht es den aus dem Westen stammenden Autoren darum, mit westlicher Vorstellung in einen fremden Kulturkreis einzugreifen, Schwarz-Weiß-Malerei zu betreiben?

Während der Amerikaner Martin Cruz Smith mit „Tatjana“ (2013) einen hervorragend recherchierten differenzierten Polit-Thriller vorlegt, greift der britische Autor Tom Rob Smith mit seinem gegen Ende der Stalin-Ära angelegten Debütroman „Kind 44“ (2008) tief in die Klischeekiste.  

Der Blick auf die fremde Kultur und das Leben in Russland ist bei beiden Autoren ganz klar ein westlicher. Aber dahinter steckt kein selbstgefälliges Verurteilen. Besonders Martin Cruz Smith liefert detaillierte Milieuschilderungen von Land, Leuten und Alltagsleben, die eins klar machen: Das Klima aus Entsetzen, Betroffenheit und Besorgnis, das angesichts der Entwicklungen im heutigen Russland vorherrscht, ist mehr als berechtigt.

Westliche Werte wie Demokratie, Menschenrechte, Toleranz und Rechtsstaatlichkeit verlieren zunehmend an Bedeutung in einem Land, in dem der Nationalismus um sich greift und Pressefreiheit nicht garantiert ist.

Martin Cruz Smiths „Tatjana“: Attentat zur Einschüchterung

Es ist der Schrei, der an der „offiziellen Version“ der Geschichte zweifeln lässt: Wenn sich die Journalistin Tatjana Petrowna tatsächlich durch einen Sprung aus dem sechsten Stock umgebracht hat, warum haben Nachbarn dann einen Todesschrei gehört? War es doch ein Unfall? Mord? So fern liegt der Verdacht nicht, dass die unbequeme Journalistin kurzerhand aus dem Weg geräumt wurde.

Der profilierte Autor Martin Cruz Smith nutzt das Genre des Politthrillers geschickt, um die gewalttätige und unberechenbare Situation des post-sowjetischen Russland zu beleuchten. Wie ein Chronist begleitet er in seinen Romanen den Wandel des Landes von Glasnost und Perestroika über den Zerfall der Sowjetunion bis ins heutige Russland Wladimir Putins. So entsteht der Spiegel eines absurden Alltags in einem zerrissenen, traumatisierten Land, in dem schwarzer Humor oft die einzige Rettung bleibt.

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