Reality Check

von Jörg Walendy

Der Islamische Staat scheint ungebremst auf dem Vormarsch zu sein. Gefechte zwischen verschwitzen Peschmerga und vermummten Islamisten am Mossul-Staudamm im Nordirak. Ein paar hundert Kilometer weiter im Westen tobt ein Krieg um Gaza. Die Raketen der Hamas zeichnen Finger aus Rauch in den Himmel. Was soll da ein fiktiver Thriller über den Nahen Osten?

„Was soll die Polizei denn hier untersuchen“ fragt  folgerichtig Dima in Matt Beynon Rees Roman „Der  Verräter von Bethlehem“, als sie ihren erschossenen Ehemann zwischen Olivenbäumen und Pinien im Westjordanland findet, „soll sie den Soldaten verhaften, der die Schüsse abgegeben hat?“

Die Frage scheint berechtigt. Was soll das Rätselraten um Täter, Opfer und Motiv vor einem politischen Hintergrund, der jeden als Täter und Opfer erscheinen lässt? Warum soll ich mich für die Ermittlungen des von Rees geschaffenen Omar Jussuf interessieren, wenn wenige Meter neben der „offiziellen Leiche des Romans“ dutzende weitere liegen? Erschlagen von Kassam-Raketen, Drohnen, Präzisionsgewehren oder Fassbomben. Wenn es überall brennt, welche Bedeutung hat dann noch ein einzelner Funke? Und schlimmer noch. Droht beim Lesen nicht die „Orientalismus-Falle“? Besteht nicht die Gefahr, dass ich beim Lesen einer fiktiven Geschichte nur das Weltbild des Autors und einen Querschnitt seiner Gedankenwelt vermittelt bekomme? Rees selbst scheint sich des Risikos indirekt sogar bewusst. Sein Ermittler Jussuf setzt seinen ungeliebten amerikanischen Vorgesetzten Steadmann im Roman mit falschen Geschichten über die palästinensische Mentalität unter Druck. Und prompt hält sich Steadmann „von nun an für einen Fachmann für alles Arabische.“ Kann es einem aus Europa stammenden Autor nicht genauso ergehen? Sollte ich Matt Beynon Rees, Adlene Meddi und Yasmina Khadra nicht besser zur Seite legen und in einem Sachbuch oder einer Reportage nach authentischen Bildern suchen?

Reality Check. Überall brennt es. Und das Feuilleton führt eine vielsagende Debatte zur Frage, ob das journalistische Dogma der „Ausgewogenheit“ nicht dazu verführt, jedes noch so absurde Argument eines Hamas-Sprechers zu drucken, nur um journalistisch „ausgewogen“ zu berichten. Das stimmt nachdenklich, lässt am Eigenwert von Reportagen zweifeln. Aber auch das Gegenteil überzeugt nicht. Jedenfalls dann nicht, wenn es sich um „Kampagnenjournalismus“ handelt, der tief in die Gruselkiste historischer Vergleich greift. Wer würde schon zugeben, dass es zum Beispiel ein einzelner Kommentar von Hendryk Broder war, der einen für oder gegen eine bestimmte Sache eingenommen hat? Meist ist man eher vor dem Lesen schon überzeugt (oder dagegen).

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