Die Wahrheit über die Welt im Jahr 2608

von Guido Rohm

     Die Schwarzdruckereien waren gut in den Bergen versteckt. Klar, die Bullen durchkämmten die Gegend regelmäßig und versuchten unsere Nester auszuheben, was ihnen hin und wieder auch gelang, aber nicht in dem Maße, dass es unsere Geschäfte tatsächlich beeinträchtigt hätte. Das Beste, was uns je widerfahren ist, war das Bücherverbot.
     Fing harmlos an, so wie alle Veränderungen mit kleinen Tropfen beginnen, die die Eimer füllen, die den Stein höhlen. Irgendeine Mami war es gewesen, die sich durch ein Buch bedroht gefühlt hatte, vielleicht nicht direkt sie, aber sie wusste, dass es ihre Tochter las. Und das machte sie nervös. Was sage ich, sie wurde fast verrückt. Zumindest stelle ich mir das so vor. Ich habe recherchiert. Man findet im Netz so einiges zum Thema.
     Was in dem Buch vorkam? Sex in Verbindung mit Gewalt. Es war ein Krimi, irgend so ein Schrottbuch, wie es täglich in die Buchhandlungen gespült wurde. Nichts, weshalb man sich wirklich hätte aufregen oder sorgen müssen. Diese Mami tat es. Und wie sie sich aufregte. Sie schrieb den Verlag an, den Autor, keiner von ihnen reagierte, niemand nahm sie ernst. Das wird sie noch wütender gemacht haben. Arme Mami. Armes Kind, das so eine Mami aushalten musste.
     Mami berät sich mit Papi, und der hat Verbindungen, hier- und dorthin. Man bespricht sich, man gründet einen Verein. Wenn dir nichts mehr einfällt, ist es Zeit, einen Verein zu gründen. Wer keinen Verein hat, zählt nicht, der wird nicht wahrgenommen. Man muss zum Ausdruck bringen, dass man in der Gruppe auftritt, dass man stark ist, dass man die Interessen von wem auch immer vertritt. Von wem ist egal, wichtig ist nur, man ist der Vertreter einer höheren Angelegenheit.
     Die Sache schaukelte sich hoch, schneller und höher, als es je jemand geahnt hätte. Und plötzlich wird ein Gesetz verabschiedet, plötzlich sieht man in allen Büchern eine Gefahr. Leute, die lesen, arbeiten nicht, sie sitzen herum, sie träumen, sie geraten in andere Seinszustände, sie leben in anderen Welten.
     Bücher waren zur gefährlichen Droge erklärt worden. Die ersten Flüsterlesesäle entstanden. Man druckte schwarz, und in Chicago nahm sich ein gewisser Al Capone der Sache an. Wo illegale Geschäfte blühen, ist die Mafia nicht weit.
     Capone verstand die Leute, er war selbst einer, der seine Nase gerne in ein gutes Buch steckte, einer, der Blumen verschenkte, einer, der mit Gewalt nichts am Hut hatte. Sie jagten ihn, die Staatsanwälte, Detektive, das ganze verfluchte Pack, das davon lebte, dass es Verbrecher gab.
     Und ich? Mein Name ist Walt. Ich wuchs in einem kleinen Kaff im Gebirge der Vögel auf. Kennen Sie bestimmt. Früher standen hier eine Menge Kurhotels, die Leute liebten unsere Gegend, die frische Luft, das saubere Wasser, die Vögel, die am Himmel ihre Bahnen zogen, obwohl sie genau wussten, dass es Kopien waren. Echte Vögel gibt es bei uns schon lange nicht mehr. Es gibt auch keine Rehe oder Hirsche. Wölfe, Bären, sie alle sind längst ausgestorben und wurden ersetzt, durch Maschinen, durch Klone, durch Imitationen. Alles in dieser Welt ist falsch, ist ein Trug. Sie wissen das. Ich weiß es. Aber niemand spricht darüber. Es gibt nicht mal Al Capone, weil er auch nur eine Maschine ist, die benutzt wird, um den Kampf, den der Mensch braucht, am Leben zu erhalten. Die Bücher wurden nie wirklich verboten. Ich bin wie Sie nur Teil eines großen Spiels, eines Freizeitparks namens Staat, eines Gebildes, das die Kriminalität erfindet, um die Gesellschaft zu binden, um sie zusammenzuschweißen. Und die Geschichten über Mami und Papi und das böse Buch? Erfindungen. Zumindest vermute ich das.

     weiterlesen