Der Fremde Blick, so nah ….

von Thomas Wörtche

Egal in welchen Künsten – die Perspektive ist ein entscheidend wichtiges Element. Wer schaut wie. Zentralperspektive. Multiperspektivismus. Wer sieht was. Was sieht man nicht. Was sieht man, obwohl man es gar nicht sehen kann. Daran hängen Ideologien, Geschichtsphilosophien, Gesellschaftstheorien, epistemologische Systeme. Und können durch andere Perspektiven wieder dementiert, destabilisiert, sabotiert und zerstäubt werden. Auf die Perspektive zu achten, gehört zu den basics von Kunstproduktion und –rezeption. Und zu den basics von Lebenswelt. Wer nicht nach links schaut, kommt auf dem Kontinent unters Auto. Im UK muss man nach rechts schauen. Perspektiven organisieren und strukturieren unsere Existenz. Sozial hat derjenige Mensch Vorteile, der sich eine Situation aus den Augen eines anderen anschauen kann. Machtpolitisch eher der, der nur seine eigene Sicht der Dinge notfalls mit Gewalt durchsetzt; da ist es von Vorteil, nur monoperspektivisch vorzugehen.

Vermutlich haftet der Monoperspektive deswegen etwas Verdächtiges an. Sie lädt zur Identifikation ein, sie ist in 98 Prozent der Fälle „der Held“. Privatdetektivromane der Chandler-Schule etwa leiden hin und wieder an Selbstgerechtigkeit, vor allem, wenn sie Ideologeme produzieren. Chandlers Misogynie, Homo- und Xenophobie sind immerhin durch seinen romantischen Gutmensch-Gestus und seine wisecracks gedämpft. Diese beiden Verfahren relativieren die rechthaberische Monoperspektive gerade noch so. Fallen sie weg und die Monoperspektive eines mit sich selbst identischen Ichs tritt nackt und bloß zu Tage, ist es zum totalitären Weltbild nicht mehr weit. So wie es bei Mickey Spillanes Mike-Hammer-Romanen in seiner ganzen Scheußlichkeit zu bewundern ist. Die monologische Rede des „Killer Inside Me“ von Jim Thompson geht diesen Weg konsequent. Der Blick auf die Welt ist die des Mörders, bis zur letzten Konsequenz. Der russische Literaturwissenschaftler M.M. Bachtin hat die ideologischen Implikationen von Perspektive, Erzählhaltung, von Monolog und Polyphonie bis zur Wortebene hinunter beschrieben, analysiert und in ihrer Bedeutung für den „Sinn“ von Texten belegt. Unbedarfte Schreiber und unbedarfte „Schreibschulen“ erkennt man daran, dass sie sich über diese Tiefenstruktur von Texten (und Kunst) im Allgemeinen noch nicht einmal bewusst sind.

Der Blick, der nicht mit sich selbst identisch, ist dann wohl schon der fremde Blick. Die Frage ist nur, auf welcher Ebene man ihn ansiedelt. Wenn ein bürgerlicher Autor ein nicht-bürgerliches Milieu beschreibt – ist das schon der „fremde Blick“? Oder nur, im Unglücksfall, eine peinliche Anmaßung? Wenn Patricia Highsmith oder Donna Leon (die aber nur und nur dieses eine Beispiel verbindet) über „die Mafia“ schreiben – ist dieser „fremde Blick“ schlicht unfreiwillig komisch, weil da gar nichts „stimmt“. Der „fremde“ Blick steht hier einfach für „Nicht-Hinschauen“: was wiederum auch beredt ist: Interessiert die Autorinnen es nicht, was sie erzählen?

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