Liebe Leserinnen und Leser,

ein Jahr Polar Gazette. In so einem Fall sagt man gerne, wer hätte das gedacht? In unserem Fall jedoch war es eher so, dass wir blauäugig hofften, Leser für ein Online-Magazin zu finden, das sich jenseits der im Genre üblichen Rezensionsportale Themen öffnet, die den übergreifenden Fragen nachgehen. Auch als Plattform für die Macher des Genres verstanden, die sich durch Gastbeiträge zu Wort melden. Mit Themen wie „Muss ein Krimi immer gut enden?“ oder „ Wie die Welt zu retten ist“. Mit monatlichen Storys von Autoren, die das Projekt unterstützt haben. Wenn wir uns in der September-Ausgabe nun „Dem fremden Blick“ widmen, fragen wir uns, wie das ist mit der Plotauswahl bei Schriftstellern. Ist sie wirklich so romantisch verklärt, dass sich die Themen immer aufdrängen, ein Autor nicht anders kann, als über die Geschichte zu schreiben, der er sich nicht entziehen kann?

Für Thomas Wörtche ist klar: „Der Fremde Blick, so nah …“. Es kommt auf die Perspektive an, egal ob sie Selbstgerechtigkeiten oder Phobien unterliegt oder ein Autor sich seinem bürgerlichen Milieu nicht entziehen kann. Jörg Walendy stellt in „Reality Check“ die Realität der Fiktion direkt gegenüber. Wie veraltet erscheinen die Sachbücher von gestern oft angesichts der politischen Entwicklung der Jetztzeit. Im Gegensatz dazu wie frisch die Fiktion mit echten Biografien. Guido Rohm erzählt in „Die Wahrheit über die Welt im Jahr 2608“ über ein Leben mit Schwarzdruckereien in den Bergen. Die Welt 2608 hat für sich erkannt, dass das Beste, was ihr je widerfahren ist, ein Bücherverbot ist. Was der Hysterie in der Diskussion, wie es mit der Buchwelt in unseren Tagen weitergeht, eine völlig neue Dimension verleiht. Carsten Germis widmet sich in „Unterwegs in Bombay – mit Kriminalistik aus Österreich” Reymond Fitzwalter Keating, der seinen Inspector Ghote 17 Jahre nach Ende der Kolonialherrschaft nach Indien schickte. In „Zwischen Sorge und Entsetzen“ fragt sich Michaela Hövermann, wie die Autoren Martin Cruz Smith und Tom Rob Smith in ihren Romanen das Bild der Sowjetunion und des heutigen Russlands zeichnen. Und schließlich: Was treibt Autoren überhaupt dazu an, ihre Geschichten jenseits der Grenzen anzusiedeln?, fragen wir uns in „Think Big“.

Nun gehen wir also ins zweite Jahr. Die Gefahr, dass uns die Themen ausgehen, sehen wir zurzeit noch nicht. Wir möchten uns vor allem bei unseren Lesern bedanken, die uns treu geblieben sind, und jenen, die wir in großer Zahl von Ausgabe zu Ausgabe hinzugewinnen. Je mehr wir uns mit dem Genre Krimi beschäftigen, es aus den unterschiedlichsten Richtungen betrachten, anderer Meinung sind, umso besser. Nichts regt so zum Diskurs auf wie der Krimi. Mögen einige ihm die höheren Weihen verwehren, sie haben keine Ahnung, was Ihnen entgeht.

Viel Spaß beim Lesen
Ihre
Polar Gazette