Der Taschendieb lässt sich mit den falschen Leuten ein. Die Yakuza, wie sich die japanische Mafia nennt, kennt keine Gnade. Der Dieb gerät immer tiefer in die Fänge eines skrupellosen Yakuza-Bosses. Der Pakt mit dem Teufel zieht ihn näher und näher an den Abgrund. Er soll Dokumente stehlen, die korrupte Netzwerke von Politik und Wirtschaft entlarven – damit die Yakuza die korrupten Eliten erpressen kann. „Aber…“, ängstlich versucht der Taschendieb, die neuen Aufträge abzuwehren. „Du weißt, wenn du versagst, musst du sterben. Das war unsere Vereinbarung. Ich ändere meine Meinung nie. Das Schicksal kennt keine Gnade“, antwortet der Gangsterboss kühl. „Wenn du versagst, werde ich dich töten. So einfach ist das.“ Für die Menschen an der Spitze der gesellschaftlichen Pyramide sei das Leben oft trivial, für die unten aber eine Frage von Leben und Tod. „So funktioniert die Welt.“

Das zweite Buch, das im Juni ebenfalls bei Soho in englischer Sprache erschienen ist „Evil and the Mask“, ist sogar noch düsterer als „Der Dieb“. In der Eingangsszene erzählt der Ich-Erzähler, Fumihiro Kuki, wie er an seinem 11. Geburtstag vom Vater in sein Zimmer gerufen wird. Dort teilt der Vater, der die 60 bereits überschritten hat, ihm mit, wie sein Leben verlaufen wird: Der Sohn, ein Nachzögling, solle als „Krebsgeschwür“ das Schlechte in die Welt tragen. Das sei das Schicksal, dass der Vater ihm zugedacht hat. Zu Fumihiros 14. Geburtstag werde er ihm „die Hölle“ zeigen, drohte der Vater. Fumihiro Kuki, der Sohn, ist eine typische Gestalt aus den Noir-Romanen Nakamuras. Es sind die Außenseiter, die kriminell werden, wie Kuki oder wie der Taschendieb. Sie werden kriminell, weil sie die wahren Werte verteidigen – eine krasse Sichtweise, vor allem in einem Land wie Japan, in dem jede Form abweichenden Verhaltens erbarmungsloser sanktioniert wird, als in den meisten anderen Gesellschaften der Welt.

Dass Nakamura Außenseiter, dunkle Gestalten, zu seinen Helden macht, hat viel mit seiner Ausbildung, auch mit seiner Lesebildung zu tun. In der Mittelstufe begeisterte er sich für den japanischen Autor Osamu Dazai. Dazai, Anfang des 20. Jahrhunderts in Aomori im Norden Japans geboren, betrachtete sich sein gesamtes Leben über als Ausgestoßener. Seine Erzählungen sind spannend, sie zeigen eine geradezu morbide Faszination am Selbstmord. Dazai selbst hat sich mit seiner Geliebten umgebracht. Nakamura ist in den hymnischen Besprechungen der amerikanischen Presse immer wieder mit Kafka, mit Camus verglichen worden. Der Autor, der ihn aber stärker beeinflusst haben dürfte, als jeder andere, ist  Osamu Dazai (von dem es kaum deutsche Übersetzungen gibt).

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