Achtung, Suchtgefahr!

von Michaela Hövermann

Der britisch-US-amerikanische Autor Lee Child, eigentlich Jim Grant, hat 1998 in „Größenwahn“ mit dem ehemaligen Militärpolizisten und Waffenspezialisten Jack Reacher eine Kultfigur in Serie geschickt, die im Gedächtnis haften bleibt: tough, knallhart, ausgestattet mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Bei der Charakterisierung seines Helden setzt Child auf Gradlinigkeit. Statt Reacher mit einem komplizierten Beziehungsleben, Alkoholproblemen oder Depressionen auszustatten, wie es etwa in skandinavischen Krimis üblich ist, orientiert er sich an kommerziell erfolgreichen Superhelden und amerikanischen Archetypen: Jack Reachers Markenzeichen ist neben Intelligenz, Härte, Attraktivität und Durchsetzungsvermögen vor allem sein hohes Verantwortungsgefühl „Underdogs“ gegenüber. Das Recht nimmt er gern in die eigene Hand. Er mischt sich ein, wo Einmischung nottut. Freiheit und Anonymität sind für Reacher geschätzte Güter in einem immer paranoider werdenden Land, in dem Kontrollmechanismen zunehmend die Oberhand gewinnen.

Gleichzeitig fehlen der mitunter anarchisch anmutenden Frontfigur Stabilität und Bindungen im Alltag. Persönliche Beziehungen bleiben flüchtig; Ruhelosigkeit treibt den haltlosen Einzelgänger, der wirkt wie eine Mischung aus einem Landstreicher und der amerikanischen Version eines James Bond, quer durch die Vereinigten Staaten. Ohne Ballast, mit nichts als einer Klappzahnbürste, ist er unterwegs. Kein Gepäck. Keine finanziellen Verbindlichkeiten. Keine Statussymbole. Er ist frei. Frei von familiärer Verantwortung. Frei von materiellen Gütern.

Wenn Reacher Verbrecher aus dem Weg räumt, fackelt er nicht lange: Brutal, eiskalt und erbarmungslos schlägt er zu. Bedenken hinsichtlich seines Vorgehens kennt er nicht. „Beseitigte Kakerlaken“ bringen ihn schließlich auch nicht um den Schlaf. Maßgeblich ist allein sein eigener moralischer Kodex, seine Intuition. Damit wird er zur Sehnsuchtsfigur der Massen, die den Sieg des Guten über das übermächtig scheinende Böse herbeisehnen – wenn es sein muss, dann eben mit Gewalt.

Guilty Pleasure

Die Sätze sind kurz und griffig, der Stil direkt: Lee Child schreibt schlicht und schnörkellos. Ganz sicher nicht das, was man unter einem anspruchsvollen Kriminalroman versteht, sondern eher das, was in die Kategorie „Guilty Pleasure“ fällt. Aus der Hand geben mag man die Bände, die sich als wahre Pageturner erweisen, dennoch nicht. Der Grund dafür? Lee Child versteht es meisterhaft, in seinen Romanen Spannung aufzubauen, situative Momente zu verdichten und das Publikum für seinen unkonventionellen nachdenklichen „Helden“ einzunehmen.

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