Sherlock Holmes und die Spannung in der Kriminalerzählung

von Carsten Germis

"Das war spannend wie ein Krimi!" Wer hat diesen Satz noch nicht gehört, wenn zum Beispiel der Sohn am Sonntag am Frühstückstisch vom knappen Erfolg der eigenen Fußballmannschaft durch das entscheidende Tor in der 90. Minute erzählt? Oder wenn Freunde beim Bier von außergewöhnlichen Erlebnissen berichten. Spannung – Suspense im Englischen – scheint zum Kriminalroman zu gehören wie Senf zur Thüringer Rostbratwurst. Kriminalromane sind Erzählungen. Und jede Erzählung – egal ob es der Reisebericht des Onkels bei Kaffee und Kuchen auf der Veranda oder ein preisgekröntes Buch oder ein Film ist – fesselt ihr Publikum dadurch, dass sie Fragen aufwirft und Antworten herauszögert. Abenteuergeschichten wie Robert Louis Stevensons "Die Schatzinsel", aber auch Karl May in "Der Schatz im Silbersee" nutzen diese einfache Technik, spannende Abenteuer zu erzählen. Stevenson schildert diese Technik selbst gleich zu Beginn der "Schatzinsel". Da kehrt ein Seemann, ein früherer Pirat, im "Admiral Benbow" ein und gibt abends seine Geschichten zum besten.

"Es waren schauerliche Geschichten von Mord und Totschlag, von Stürmen, Missetaten und Strafkolonien in spanischen Gewässern… Die Art, wie er Erzählungen zum besten gab, erschreckte unser biederes Landvolk fast ebensosehr wie ihr Inhalt. Mein Vater sagte immer, er würde den Gasthof ruinieren, weil die Leute bald ausbleiben würden."

Das Gegenteil trat ein. Es kamen mehr Gäste. Sie kamen, weil sie eine spannende Geschichte schätzten. Es war eine interessante Abwechslung. Es gibt beim Erzählen  zwei Arten von Fragen, die kausale Zusammenhänge aufzeigen. Wer war's? Und: Was passiert wohl als nächstes? In der klassischen Kriminalerzählung von Sherlock Holmes bis zu den Rätselkrimis der Agatha Christie findet sich dieses Element der Spannung wohl in der klarsten und am stärksten ausgeprägten Form.  Anders als die Abenteuergeschichte setzt der Krimi mit seiner Suche nach kausalen Zusammenhängen, selbst in seiner konservativen, frühen Ausprägung, die uralte ontologische Frage nach der Realität wieder auf die Tagesordnung. Nichts ist, wie es scheint. Diese Binsenwahrheit kennt jeder Krimileser. Die Verunsicherung, die Kriminalroman und Thriller bei Lesern hervorrufen, entspringt nämlich – so hat es der französische Soziologe Luc Boltanski beschrieben – "der Möglichkeit einer Infragestellung der Realität der Realität."

Nichts ist, wie es scheint. Jeder kann der Täter gewesen sein. Die Untersuchung, die Suche nach der Realität der Realität hat kein Autor in der Literatur zuvor so akribisch inszeniert wie Arthur Conan Doyle in seinen Erzählungen über den Meisterdetektiv Sherlock Holmes. Nicht ohne Grund heißt der erste Band der Erzählungen übrigens "Die Abenteuer des Sherlock Holmes". Er steht in der Tradition der Abenteuergeschichten. Doch nie zuvor ist die vermeintliche Realität so verbissen, so sorgfältig und so nach strengen wissenschaftlichen und logischen Kriterien untersucht worden wie in den Geschichten um den Detektiv aus der Baker Street in London.

     weiterlesen