Es muss Mord sein

von Sonja Hartl

„Suspense – das ist atemlose Neugier, das sind die Fragen: Was steckt dahinter? Was wird als nächstes passieren?“, schreibt Michael Esser in einem Sammelband zu Alfred Hitchcock, dem sogenannten Master of Suspense. Für Hitchcock war die Suspense anderen Mitteln der dramatischen Spannung überlegen – beim Whodunit handelt es sich seiner Meinung nach „um eine Art intellektuelles Rätsel. Das Whodunit erweckt Neugier, aber ohne jede Emotion“ (Truffaut, S. 63) und die Surprise setzt auf den kurzfristigen Moment des Schocks. Hitchcocks berühmtes Beispiel von der Bombe unter dem Tisch zeigt die Unterschiede deutlich: Wenn zwei Menschen an einem Tisch einander gegenüber sitzen und eine Bombe explodiert, ist das Publikum überrascht, die Szene zuvor war aber ganz gewöhnlich und uninteressant. „Schauen wir uns jetzt den Suspense an: Die Bombe ist unterm Tisch, das Publikum weiß es. Nehmen wir an, weil es gesehen hat, wie der Anarchist sie da hingelegt hat. Das Publikum weiß, daß die Bombe um ein Uhr explodieren wird, und jetzt ist es 12 Uhr 55 – man sieht eine Uhr. Dieselbe Unterhaltung wird plötzlich interessant, weil das Publikum an der Szene teilnimmt. (…) Im ersten Fall hat das Publikum fünfzehn Sekunden Überraschung beim Explodieren der Bombe. Im zweiten Fall bieten wir ihm fünf Minuten Suspense.“ (Truffaut, S. 64)

Zur Suspense bei Hitchcock gehören also Emotionen und Neugier, die Erwartungen des Publikums, dass etwas geschieht – oder ein Ereignis verhindert wird. Suspense ist eine unterschwellige Anspannung, eine Unsicherheit, ein Zweifeln. Diese Art von Suspense durchzieht Anne Goldmanns „Lichtschacht“, dessen zugrundeliegender Kriminalplot allein schon an einen Hitchcock-Klassiker erinnert: Lena steht auf einer Dachterrasse und raucht einen Joint. Keine sechzig Meter von ihr entfernt sitzen zwei Frauen und ein Mann nebeneinander auf dem Dach. „Sie wirkten aufgedreht, waren ständig in Bewegung. Wandten die Köpfe. Schauten über die Dachlandschaft.“ Augenscheinlich nahmen sie von Lena keine Notiz, während sie „ihren Blick nicht von den dreien lösen“ konnte. Sie schenkten sich wieder Sekt nach, die Flasche fiel vom Dach und sie schauten nach unten. „Lena hielt die Luft an. Die waren verrückt, sich dort oben zu betrinken! Das war gefährlich. Wie leicht konnte jemand das Gleichgewicht verlieren, ins Rutschen geraten. Abstürzen. Fünf Stockwerke tief, dachte sie, das überlebt man nicht.“ Hier antizipiert Anne Goldmann bereits eine Entwicklung: Die drei Menschen auf dem Dach rückten dann näher zusammen, ihre Bewegungen wirkten verlangsamt. Auch Lena wird müde und kalt, ihre Haare wehen ihr ins Gesicht. „Als sie wieder hinsah, war der Platz in der Mitte leer.“ Verzweifelt sucht Lena daraufhin das gegenüberliegende Dach ab, aber von der Frau fehlt jede Spur. Stattdessen sitzen nur noch ein Mann und eine Frau dort. Nach einer gefühlten Ewigkeit dreht sich die Frau um und zeigt auf Lena. Panisch zieht sie sich daraufhin ins Dunkle der Wohnung zurück und überlegt, ob sie die Polizei rufen soll, aber sie ist sich nicht sicher, was sie gesehen hat.

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