Was eigentlich ist spannend bei Altmeister John le Carré?

von Sebastian Kern

Der Anfang war gewagt. Eigensinnig. Ein Statement:

"Als Lady Ann Sercomb gegen Ende des Krieges George Smiley heiratete, pflegte sie ihn ihren erstaunten Freunden aus Mayfair als einen atemberaubend gewöhnlichen Menschen zu schildern. Als sie ihn dann zwei Jahre später wegen eines kubanischen Rennfahrers verließ, verkündete sie rätselhaft, dass sie ihn nie hätte verlassen können, wenn sie es nicht zu diesem Zeitpunkt getan hätte."

Und um allen potentiellen Lesern, die diesen Erstling eines Unbekannten zur Hand nahmen, klar zu machen, dass dies hier eine völlig andere Sache war als die erfolgreichen Geschichten eines Ian Fleming, hatte das erste Kapitel die ebenfalls atemberaubend gewöhnliche Über­schrift: "A Brief History of George Smiley" – in der deutschen Erstausgabe von 1963 auch noch mit "Das Curriculum Vitae von George Smiley" übersetzt. Jesus! Als ob einen das interessierte …

Mit Verlaub, da gibt es andere Intros:

"Die Geisha mit dem Namen Zitterndes Blatt, neben James Bond kniend, beugte sich aus der Hüfte nach vorne und küsste ihn keusch auf die rechte Wange."

Auf die rechte Wange? Da geht mehr. Das versteht jeder Leser sofort, sollte er im Jahr '64 You Only Live Twice bei Foyles am Tisch mit den Neuerscheinungen in das Buch hineingeblättert haben. Cooler Typ in exotischer Umgebung plus Gefahren und Aussicht auf Sex. Klare Sache. Ganz anders dieser George Smiley: linkisch und ein wenig dick, mit Hornbrille auf der Nase, der seine Karriere als Agentenführer im Zweiten Weltkrieg bereits hinter sich hatte – der über­haupt ziemlich viel hinter sich hatte und sich von seinem Chef auf den ersten Seiten anhören musste:

"Sie sind fertig. Schulen Sie neue Leute. Machen Sie Ferien."

Trotz alledem: gewöhnlich war Smiley eben nicht. Von Anfang an nicht. Und der Leser ahnt es schnell. Vielleicht nicht der kleine Büroangestellte, der ein wenig Detektivkitzel für den Weg zur Arbeit suchte, oder der 14-Jährige, der nach einer coolen Identifikationsfigur fahndete. Aber der leidlich politisch Interessierte mit passabler Schulbildung, der Leser von Quali­tätszeitungen, der mochte schnell die Ambi­valenz spüren, die Lebenserfahrung, die dieser Mann haben musste.

"Er starrte auf seine pummeligen Hände und sah, wie sie zitterten. Zu alt? Impotent? Angst vor der Jagd? Oder Angst vor dem, was er am Ende aufstöbern würde?"

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