Das Brautkleid

von Susanne Mischke

Ariane Mommsen, geborene Kornitzke steht vor dem Spiegel der Damentoilette und wischt mit dem Puderschwämmchen über ihre Nase. Die Wimperntusche ist zerlaufen, sie sieht aus wie ein Zombie. Kein Wunder, der Saal kocht. Gerade führen die Gymnastik-Damen auf der Saalbühne des Goldenen Hirschen den Bananentanz vor. Vorhin haben Ariane und Lorenz die Hochzeitstorte mit dem Plastikpärchen obendrauf angeschnitten, seither picheln die Damen Sekt und Likörchen, die Männer haben den ersten Klaren schon mittags gekippt, dem Spanferkel hinterher.
    Ihre Hochzeit. Es fühlt sich immer noch an wie etwas Fremdes, das gar nicht ihr passiert, sondern bloß einem Abbild von ihr. Aber da hilft alles nichts: Sie, Ariane, ist heute die Braut.
    Wer hätte das gedacht, vor gut einem Jahr, als Lorenz Mommsen sie beim Osterfeuer hinter den Getränkewagen der Landjugend gezerrt und ihr zwischen den Bierkisten die Zunge in den Hals gesteckt hat? Nach Zwiebel und Schnaps hat er gerochen, das weiß sie noch, obwohl auch sie zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr ganz nüchtern war. Wenige Wochen darauf, beim Maisingen, winkte Lorenz ihr zu und wurde sogar ein bisschen rot dabei. Und dann, beim Erdbeerfest, macht er ihr einen Antrag. Sogar mit Ring, Weißgold. Ihre Verlobung war wochenlang das Thema der Klatschmäuler in beiden Dörfern. Gerade vorhin, als sie heimlich hinter den Glascontainern eine geraucht hat, hat Ariane gehört, wie sich die Frau des Metzgers mit einer Bäuerin aus dem Dorf unterhalten hat: „Ach, irgendwie sind doch alle Bräute ganz hübsch – sogar die Ariane.“
    „Hübsch muss eine Bäuerin nicht sein. Arbeiten muss sie können.“
    „Das Land, das ist es. Deswegen hat der alte Mommsen der Sache gehörig nachgeholfen, wetten?“
    „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen.“
    Ja, zugegeben, es ist keine Liebesheirat. Den Mommsens gehört die größte Schweinezucht im Umkreis, und Arianes Eltern sind Getreidebauern und bewirtschaften einen ansehnlichen Hof in der Nachbargemeinde. Es ist ihr egal. Sie liebt Lorenz ohnehin nicht, sie liebt nur einen: Robert Pattinson. Was natürlich Blödsinn ist, völlig aussichtslos, das weiß sie genau – und doch ist es so. Und davon abgesehen: Heiraten, das wollte sie schon immer. Einmal der Mittelpunkt sein, die Braut.
    Sie denkt an ihr Zimmer, in dem sie heute früh mit Hilfe ihrer Mutter und ihrer Tante das Brautkleid angezogen hat. Es ist tief ausgeschnitten, dennoch gibt es nicht viel zu sehen; es hilft auch kein Push-up, wo es nichts zu pushen gibt. Aber unterhalb der Taille gewinnt sie durch das Kleid endlich einmal an Umfang, denn über den Reifrock breiten sich mehrere Lagen Stoff: Rüschen, Spitzen, Seide – ein Traum.

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